Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 169)
- Language
- German
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Papier warf* in Erinnerungen an die Herrlichkeit vergangener Jährhunderte. Er zauberte sich das alte Jerusalem vor sein geistiges Auge; das prunkliebende Jerusalem Salomöns des Weisen; das von den Propheten geschmähte und verfluchte Jerusalem; das besiegte Jerusalem; das unfreie Jerusalem; und schließlich das heutige Jerusalem — den tinversieglichen Quell der christlichen Religion — das Grab des jüdischen Volkes. Kamen sie nicht hierher, um zu sterben, all die Söhne Israels, denen er auf seinen Wanderungen begegnete? Welche Anhänglichkeit an den angestammten Boden, an die historische Überlieferung, an die altehrwürdigen Gesetze! Welche jahrhundertelang aufgestapelte Kraft mußte wohl diesen entgleisten Menschen innewohnen, die, von den Stürmen des Lebens durchwühlt, den weiten Weg nicht scheuten in das Land ihrer Väter, um da zu sterben! Ah, welche Aufgabe, all diese Jammermenschen, die in verpesteten Wohnungen hausten, zu neuem Leben zu erwecken, ihren Mut wieder anzufachen, der sich infolge jahrhundertelanger Sklaverei längst in apathische Resignation verwandelt hatte; die „Klagemauer" in eine „Jubelmauer" umzuwandeln; diese freiwillig im Schatten des Todes Wandelnden wieder einem sonnigen Dasein zuzuführen! . . . Leben! Leben! Samuel Hirszenberg war ja nur nach Jerusalem gekommen, um endlich wirklich zu leben und andere dem gleichen Leben zuzuführen! Seine Brust weitete sich, als er das Fluidum des Frühlings einsog; gierig atmete er den Duft ein, der durch die durchsichtigklare, wollüstige Luft von den umliegenden Bergen zu ihm herüberwehte, und aus seiner Seele stieg das Hohelied Salomonis zum blauen Himmel empor. Dann wieder trug er seine Träume in die Berge hinaus, wo er stundenlang verweilen konnte, in Betrachtung des herrlichen Panoramas versunken, das vor seinen Augen sich auftat. Er liebte die Berge des steinigen Juda, er liebte ihr eintöniges Grau, das nür hie und da von einzelnen Flecken braunen Erdreichs unterbrochen wurde. Es gewährte ihm unendliches Vergnügen, die Blumen zu sammeln, die darauf wuchsen, und oft kehrte er mit einem großen Strauß von Sinngrün, Anemonen und wilden Veilchen heim. Das waren Vorbilder für die dekorative Kunst, von der er, der Jude mit Leib und Seele, sich eine Zukunft für sein Volk erträumte. Auch die Ölbäume mit ihrem silbernem Laub liebte er und die blühenden Mandelbäume und die hundertjährigen Eichen, aber auch die sturmgepeitschten Wolken des Himmels in der Regenzeit, wenn sie drohend vorüberzogen, als verkündeten sie eine neue Sündflut. Zuweilen ritt Hirszenberg auch auf einem Esel aus, von seinen Schülern begleitet. Dann ging es durch ein enges Tal, die alte Stadtmauer entlang, an alten, verwitterten Grabsteinen vorüber, deren Namen der Finger der Zeit längst ausgelöscht hatte. Da bewunderte man dann das berühmte goldene Tor, das einst während der Passahtage den Zutritt zum Tempel erschloß. Jetzt haben die Muselmanen es eingemauert, damit sich nicht die Prophezeiung erfülle, daß der Messias der Juden einst durch dieses Tor seinen 149