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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 148

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 148 (sequence 168)
Language
German
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alles, was dem Leben Sonnenschein verleiht, mit Füßen getreten, verhöhnt, von der Unwissenheit, der Habsucht, dem Fanatismus geschmäht worden war. Spinoza! Der Gelehrte, der Philosoph, der Dichter, ewig unverstanden — die Unwissenheit, die Habsucht, der Fanatismus ewig sieghaft. Dann ging Hirszenberg von hinnen. Was hätte ihn auch an dieses verlogene Europa fesseln sollen? In dem das Leben nur den Egoisten, den Kaltsinnigen, den Marktschreiern lächelt, in dem es nur zwei Kategorien von Menschen gab: Betrüger und Betrogene; in dem er so lange herumgeirrt war, ohne die Oase des Glückes zu finden. Seine Eltern waren tot, seine Geschwister bedurften seiner nicht mehr. Dort, unter dem blauen Himmel Palästinas gelang es ihm vielleicht seine Heiterkeit wiederzufinden, den bösen Traum, das quälende Alpdrücken der letzten Jahre zu vergessen, unter dessen Druck er seine ergreifendsten Werke geschaffen: „Der wandernde Jude", „Goluth", „Die schwarze Fahne". Wiedererstehen, Wiederaufleben mit seinem Volke! In der Schule hatte er eine Schar junger Leute vorgefunden, die begierig seiner harrten, ihre ganze Hoffnung in ihn setzten. Mit welchem Feuereifer ging er an die Arbeit! Alles war ja erst in dem Lande zu schaffen, das trotz seines hohen Alters primitiv geblieben war. Es galt, den Kampf aufnehmen gegen den Fanatismus, gegen den bösen Willen, gegen die Behörden, ja gegen die Schüler selbst, die zum größten Teile aus Rußland stammten, und in deren Leben die Revolution unauslöschliche Spuren hinterlassen hatte. Die Aufgabe war schwierig, zuweilen drückend, aber das Ziel war schön: Industrie und Kunst unter den Juden Palästinas entwickeln, Tausenden von Menschen, die bis nun vom Betteln gelebt hatten, Arbeit und Brot verschaffen, dem Gebäude der endlichen Befreiung einen Baustein hinzufügen. Und wie fühlte er sich für alle Mühe und Anstrengung entschädigt, wenn er nach beendetem Unterricht sein Skizzenbuch zur Hand nahm und, seiner augenblicklichen Laune folgend, in der Stadt umherschweifte! Vor allem zog ihn das alte Jerusalem mächtig an. Wenn er das gewölbte Tor der Umfassungsmauer durchschritten hatte und in die engen, krummen Gäßchen gelangte, dann fühlte er sich nicht mehr als Europäer, den die Neugierde hierhergeführt, sondern als Kind der alten Nation. Er malte sich das Leben aus, wie es in althistorischer Zeit durch diese Gassen flutete, sah im Geiste das geschäftige Treiben vor dem Tempel — die Illusion war so einfach. Trugen die Vorfahren nicht dieselbe Kleidung wie jener Hirte, der an der Spitze seiner Herde zur Stadt kam oder wie die Bauern dort, die aus der Ümgebung gekommen waren, um die Früchte ihres Gartens zu verkaufen? Diese Spaziergänge, die Hirszenberg von ungefähr und ohne Führer durch die Straßen der Stadt unternahm, waren für ihn eine Quelle reinster Freude, gleichzeitig aber auch tiefster Trauer. Die Saiten seiner Leier ertönten unter all diesen Eindrücken, und seine Seele war wie weiches Wachs, darin alle Erscheinungen des Außenlebens einen fast krankhaft-intensiven Eindruck hinterließen. Wenn er so auf irgend einer Terrasse saß, von der aus sein Blick die Stadt beherrschte, dann gefiel sich seine Phantasie, während der Stift eifrig Skizzen auf das 148

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