Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 170)
- Language
- German
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Einzug in Jerusalem halten würde. Eine kindliche Legende, die doch etwas von historischem Ernst an sich trägt. So kam man auf den Wanderungen an Silhoe vorüber, dessen Häuser sich terrassenartig auf dem steilen Hügelabhang erheben, über kleine Gemüsegärten bis zu den großen, symmetrisch abgeteilten und gelangte ins Gehennatal, in dem alle Leprakranken des ganzen Landes wie wilde Tiere eingepfercht leben. Oft blieb man so lange aus, bis der feenhafte Sonnenuntergang die Stadt in einen goldenen Mantel hüllte und kehrte erst dann trägen Schrittes wie eine müde Herde heim. Was aber Hirszenberg über alles liebte, das war in mondheller Nacht auf den Ölberg zu steigen. Da erblickte man von einer Seite, inmitten der gespensterhaft-stummen Berge, das Tote Meer, das, vom Mondlicht beschienen, wie ein Spiegel erglänzte *% auf der anderen Seite breitete sich Jerusalem aus, das, von dem durchsichtig-klaren Mondschimmer übergössen, nachlässig-schlafbefangen sich der Ruhe überließ. Kein menschlicher Laut störte die Stille der Nacht; nur zuweilen hörte man das Bellen eines wilden Hundes oder das jämmerlich-klagende Geheul eines Schakals aus weiter Ferne. Welche unendliche Poesie! Man hatte die Empfindung, außerhalb der Zeit, außerhalb des Lebens zu stehen, man glaubte sich in eine andere, in eine unwirkliche, phantastische Welt versetzt. Ach, was waren das für glückliche Zeiten! Samuel Hirszenberg hatte in dieser träumerischen Atmosphäre endlich die Ruhe des Gemütes gefunden, nach der ihn so sehr verlangte. Und doch wieder auch nicht. Denn der Künstler trug die Tragik in sich, und das menschliche Elend hat keine Grenzen. Zu lange hatte er nur Trauer, Resignation, Täuschung gemalt--er war zu spät nach Palästina gekommen. Das heilige Land sollte ihn für immer behalten, das Fieber tat sein Werk. Samuel Hirszenberg starb am 17. September 1908 nach einem siebzehntägigen Todeskampfe. Nachdem er sein Leben lang herumgeirrt war, war er in dieses ferne Land gekommen, nur um da zu sterben. Seine sterblichen Überreste ruhen in heiliger Erde. Nichts an seinem Grabe fällt den Besuchern auf: es ist nur eines von vielen — das ist die Gleichheit im Tode. Einzig und allein durch sein Leben gilt ein hervorragender Mensch den anderen ein Beispiel. Er war ein ehrlicher Künstler, ein Mensch ohne Falsch, nach Maßgabe seiner Fähigkeiten einer der Pioniere, denen die Juden es mit zu verdanken haben werden, wenn sie einst ihr höchstes Ziel erreichen. In dem Werke an ihrer Befreiung hat er gekämpft, gelitten, ist er gealtert und endlich erlegen. Sein Name gehört in das goldene Buch der heiligen Heimat. Mögen die Juden ihn niemals vergessen! KS BS i»i i»i \mfi* 150