Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 167)
- Language
- German
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Samuel Hirszenberg. Von DINAH HIRSZENBERG. Aus dem Französischen übertragen von ANNA KELLNER. Dem Andenken des Künstlers gewidmet von seiner Witwe. aum war die Revolution unterdrückt, so begann sich die russische Reaktion gegen die Juden zu wenden. Dem Künstler wurde ihr Schreckbild noch unerträglicher. . . . Das war nicht mehr das Volk, das mitten in einem Wald von Kruzifixen um sein nacktes Leben kämpfte; das war nicht mehr der „ewige Jude"; nicht der Vertriebene, der auf der ungeheuren weißen Ebene dahinwandert in die Verbannung hinaus — das war eine einzige ungeheure Riesenbahre, über die sich drückend der Himmel senkt, und sie mit einem schwarzen Leichentuche bedeckt, auf dem ein großes Buch ruht: der Pentateuch. Hinter der Bahre drängt sich die betörte, begeisterte Menge, die Hände gegen das heilige Buch ausgestreckt, das die Gesetze birgt, um derentwillen sie zu ewigem Wandern verdammt ist, zur Sklaverei, zum — Tode. Zum Tode! Jawohl, diesfe Menschenmenge drängt selbst dem Tode entgegen: an ihren fieberhaften Bewegungen, an ihren verstörten Augen oder an ihrer heitern, stoischen Resignation kann man es erkennen — diese Menschenmenge geht freiwillig in den Tod. Die schwarze Fahne. Die Fahne der Juden war nicht das liliengezierte Banner der Könige, noch die rote Fahne der Sanskülotten — die Fahne der Juden war die „schwarze Fahne", die Ohnmacht, das Heimweh, die Betrübnis, die Trauer ... Jetzt ist die Fahne der Juden die blaue Fahne des Himmels. Stolz weht sie von der Stirnseite der Schule; weiß hebt sich der Schild Davids davon ab. Wir sind in Jerusalem. Die Schule ist die erste Kunstschule Palästinas, die Fahne ist das Sinnbild der Nationalisten, die Palästina für die Juden haben wollen. In dieses Jerusalem seiner Sehnsucht kam endlich, endlich Samuel Hirszenberg. Welche Bewegung ergriff ihn, als er von ferne das Gestade Palästinas erblickte, mit welchem Herzklopfen betrat er zum erstenmal den vaterländischen, heiligen Boden! Es war freilich noch nicht die wiedergewonnene Heimat, aber der Gedanke, daß sie es eines Tages wieder sein würde, erfüllte sein Herz mit lautem Jubel. Er hatte Europa ohne großes Bedauern verlassen, hatte ihm zum Abschied noch seine ganze Verachtung ausgedrückt, indem er das Gemälde „Spinoza" schuf; dasselbe bedeutete, daß die Wissenschaft, die Philosophie, die Kunst, alles Große und Schöne, 147