Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 164)
- Language
- German
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gewonnene Einsamkeit, vermeintliche Vollkraft) tatsächliche Ohnmacht, vermeintliche Kulturfülle, tatsächlich gewollte Kulturlosigkeit. Er ist eine Verirrung der Romantik, ein Identifizieren von Suchen und Finden. Kultur ist keineswegs Nivellierung. Eine fruchtbare Kultur zeitigt im Gegenteil große Persönlichkeiten. Wenn aber diese breit im Volkstum wurzeln und das Gigantisdie der Volksseele vorstellen, ist das Ideal des Individualismus ein ohnmächtiges Großtun — ein wasserbaUchiges Monstrum auf Stelzbeinen. Wir haben also gefunden: Kultur ist produktive Völksseele. Eine abgestorbene Kultur ist unwiederbringlich verloren. Romantische Bestrebungen gebären ziyar nicht neues Leben, aber sie ermöglichen durch Wacherhaltung des Lebenswillens das spontane Gedeihen. Durch diese Auffassung des national-kulturellen Problems eroffnen sich uns neue Gesichtspunkte für die Beurteilung der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mögen die RaSsentheöfetiker das unverwischbare Gepräge einer Rasse verfechten und die seelische Richtung eines Volkes mit apodiktischer Gewißheit aus der Zirkulation des Rassenblutes ableiten — solche Dinge bleiben schließlich der endgiltigen Lösung der Welträtsel vorbehalten, in die uns vorderhand jeder Einblick versagt ist. Tatsache ist, daß das jüdische Volk viele durchgreifende Veränderungen erfahren hat und erfahren wird im Laufe einer Entwicklung, die in einer Wellenlinie von Kultur und Romantik sich schlingt» Ich glaube an keine Rassemissioti des Judentums, an keine ethische Kulturaufgabe. Denn Kultur ist Leben und Leben ist Selbstzweck. Wir wissen, daß vor der ethischen Kulturperiode die Althebräer eine äußerst plastische Gottesvorstellung hatten, und daß im Opfer- und Tempeldienst ein auf das Greifbare, Personifizierte gerichteter Sinn sich ausdrückt. Darauf erst folgte die Vergeistigung, die prophetische Zeit*. Diese hat der früheren nichts voraus. Denn alle Kultur ist durch ihr bloßes Sein gerechtfertigt und liegt auf dem Indifferenzpunkt von Gut und Böse. Es ist ohne Belang, wie die Kultur ist, Hauptsache bleibt, daß eine Kultur sei. Ethisch und unethisch, treu den alten Traditionen oder in geradem Gegensatze zu ihnen — nach festen Werten leben und fruchtbar seinl Und, angesichts unserer gegenwärtigen Kulturlosigkeit, haben wir allen Grund besorgt zu fragen: „Wird noch eine Seele sich ausbilden, die das ganze Volk in gleicher Weise umschlingt, wird eine harmonische Abstimmung unseres geistigen Lebens zustande kommen — kurz, «ine Kultur im Sinne unserer obigen Erklärung?" Diese Frage ist zu bejahen. Ich glaube an die Lebensfähigkeit unseres Volkes. Denn unser Lebenswille bekundet sich durch eine wirksame Romantik — den Zionismus. Als durch Berührung mit der europäischen Zivilisation der Bestand des Judentums in Frage gestellt würde, da war es diese Bewegung, die uns von dem Untergange rettete. Weil sie das Entstehen einer neuen Kultur zu ermöglichen sich bestrebt, weil sie die Volksseele sucht und sucht. * Der sittliche Gehalt der Bibel rührt Wahrscheinlich aus dieser Periode her, 144