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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 143

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 143 (sequence 163)
Language
German
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Kurz eine Übereinstimmungdes Wollens und Sollens, weil man nur will, was man soll, und daher immer soll, was man will. Und nur aus dem Schöße einer solchen Kultur kann ein Genie hervorgehen. Das Genie besitzt das Vermögen, schlummernde Volkskraft zu äußern, zu gestalten. Denn alle Ursprünglichkeit fließt einzig und allein aus der Volksseele. Und Genie ist verdichtete Volksseele, konzentrierte Volkskraft, kein Herauswachsen aus dem Volke. Es ragt nur mächtig himmelwärts, weil es das Mark aus dem Erdreich eines kulturellen Volkstums zieht. Es schafft, belebt, gestaltet; analysiert nicht, reflektiert nicht. Ihm ist alles ganz. Daher seine Natürlichkeit, seine Naivität. Aber solche Kulturperioden währen nicht ewig, die Volksseele erschöpft sich. Dann gibt es keinen produktiven Volksorganismus, sondern zerstreute Volksglieder. Da nun der Volksorganismus unser natürlicher Zustand ist, so harmonieren unsere Einsamkeitsinstinkte nicht mehr mit dem Naturprinzip. Daher erscheinen sie uns nicht als zweckmäßig. Denn Zweckmäßigkeitsempfindung der Triebe ist nichts anderes als eine subjektive Innewerdung der Herrschaft des Naturprinzips in uns. Ferner: da Werte nur der Ausdruck eines pulsierenden Volkslebens sind, ein Schema des zweckmäßig Triebhaften repräsentieren, so wird unser Leben ohne Werte. Die überkommenen Werte der toten Kultur sind nur ein lästiges Vermächtnis, fremd und fragwürdig. Und ein Leben ohne Werte ist wertlos. Der Geist verseichtet, das Herz vertrocknet, der Wille erlahmt. Ein solcher Niedergang bedeutet den Tod eines Volkes. Oft aber sind die Nachwirkungen der toten Kultur so nachhaltig, daß sie ein Volk der Gefahr des Unterganges entrücken. Die Fähigkeit zu leben fehlt, aber der Wille zu leben ist wach. Keine Kultur, aber auch kein Todesgang, sondern ein Zustand, dessen beste Bezeichnung „auf der Suche ist" — oder Romantik. Romantik ist ein schmerzliches Innewerden losgelöster Subjektivität, wehmutstiefe Einsamkeit, schwer empfundene Volksentfremdung. Romantik ist Wille zum Leben, aber kein Leben. Ist das Genie das Produkt der Kultur, so ist das Merkmal der Romantik das Geistreiche, Witzige. Denn das Geistreiche, Witzige besteht in der Reflexion. Ist die Kultur ein fortwährendes Finden, so ist die Romantik ein ständiges Suchen. Daher ihre Sentimentalität. Ist die Romantik kein Leben, so ist sie doch ein Zeichen der Lebensmöglichkeit eines Volkes. Sie klammert sich krampfhaft an die große Vergangenheit und sucht alles Fühlen und Glauben aus der Ferne nahezubringen. Sie tröstet und erinnert, mahnt und verheißt. Sie muß von einem hohen Idealismus getragen sein, soll allmählich allgemach neues Leben sprießen. Dieses entspricht keineswegs den Träumen und Sehnsuchten der Romantik. Denn das Leben entzieht sich jeder Bestimmung; unser Denken und Wollen beherrscht nur das Gegebene. Die Romantik ermöglicht nur das Keimen und fördert das Wachsen. Und doch trägt die Romantik nicht immer die Gewähr der Kulturrettung in sich. Wenn nämlich das Subjektive die Seele überwuchert und bald als wünschenswerter Zustand erscheint. Die Modernen nennen es liebevoll Individualismus. Individualismus ist lieb- 143

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