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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 142

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 142 (sequence 162)
Language
German
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IRI
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Kultur und Romantik. Von MENACHEM GOTTESFELD. fc&SSI B tak edes Problem muß als ein Dingsui generis betrachtet werden. Es muß in seiner Wesenseigentümlichkeit erfaßt, untersucht und, einmal gelöst, in den Mittelpunkt einer Weltanschauunggerückt werden. Be1 der Untersuchungdes nationalen und kulturellen Problems verfuhr man aber umgekehrt. Es wurden Waffen aus der Rüstkammer gewisser Doktrinen ins Treffen geführt, die Fragen in die Zwangsjacken bestimmter Weltanschauungen geschnürt. Wir wollen aber unbefangen an diese Fragen herantreten, so daß wir von hier aus den geeigneten Gesichtswinkel für die Betrachtuno; der Ding-e gewinnen. Wie, wenn jene bei der Lösung gemachten Voraussetzungen sich als falsch erweisen? Schon die erste Voraussetzung-, daß wir hier vor zwei Problemen stehen?-- Der natürliche, d. h. Leben bedingende Zustand des Menschen ist das Zusammensein. Nicht etwa, weil durch die Kooperation das Spiel wirtschaftlicher Möglichkeiten ein ausgiebigeres und mannigfaltigeres wird. Viel richtiger ist das „nationale" Moment: wenn nämlich durch das Zusammenleben innere Kräfte zutage gefördert werden, deren Gesamtheit wir im Hinblicke auf ihre konstante Wirksamkeit Volksseele nennen, wobei wir natürlich unserem Ursächlichkeitsbedürfnisse folgen. Das Vorherrschen einer Volksseele ist Voraussetzung jeder Kultur, ja Kultur selbst: eine gleichbetonte Innenwelt, ein gemeinsames Gefühls- und Gedankenleben, eine gemeinsame Beziehung zum Universum. Lieder, Sagen, Religion atmen Lebensfrische, Unmittelbarkeit des Empfundenwerdens, da sie doch nichts anderes als die Seelenentladung des Volksganzen sind. Das Leben fließt unter Leitung festgeprägter Werte, die aus den Untergründen unbewußten nationalen Erhaltungsdranges auf die Oberfläche des Bewußtseins emportauchen. Ein Kulturleben in diesem Sinne bedeutet ein gesundes Individualleben. Gesundheit ist eine zugleich „zweckmäßige" Wirksamkeit des Triebhaften, zweckmäßig im Sinne menschlicher Apperzeption, die überall Planmäßigkeit sucht. Tatsächlich gewissermaßen sub specie aeternitatis betrachtet — liegt jeder Zweck dem Naturprinzip fern und Gesundheit ist nur das vollständige Durchdringen desselben in uns, worin eben das Bewußtwerden der Triebe als „zweckgemäß" besteht. Die Werte sind nun ein Niederschlag als zweckmäßig empfundener Lebensinstinkte und erhalten dadurch den Charakter organischen Verwachsenseins mit unserem Ich. Wir können daher unserer nackten Subjektivität nicht inne werden und bleiben von aller Selbstreflexion*, aller Seelenpein verschont. Es herrscht eine Sicherheit, eine Unbeirrtheit in allem, eine Selbstverständlichkeit im Tun und Lassen. * Es ist hier natürlich nicht die rein wissenschaftliche Seelenanalyse, die introspektive Methode psychologischer Beobachtungen gemeint, sondern die das Gefühl in Anspruch nehmende Zerfaserung des Innern. 142

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