Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 157)
- Language
- German
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das Klagen. Das ist die Lösung-. Willst du es gestehen, so will ich dich wieder nehmen/' Sie hob die Augen, sah den Gelehrten besser an und erkannte ihn. Sie sprang auf und fiel ihm um den Hals und weinte gar sehr. Sie freuten sich und bereiteten ein großes Festmahl. Der Schiffer aber fiel auf die Kniee und bat um sein Leben. Und der Gelehrte sprach: „Weil du mein Weib nicht berührt hast, so schenke ich dir dein Leben, aber da du dir das angeeignet hast, was nicht dir gehört, so nehme ich dir dein Eigen". Er nahm ihm seinen Reichtum und ließ ihn laufen. Und sie verblieben in großer Frömmigkeit mit großem Reichtum. Sie erzählten einander ihre Erlebnisse. Als nun der Mann erzählte, daß die Kinder im Meere ertranken, da weinten beide vor Gram und Schmerz. Denn sie wußten nicht, daß sich die Kinder gerettet hatten. In einer heißen Sommernacht gingen alle Schiffer, die mit ihren Schiffen vor der Insel vor Anker lagen, da sie nicht schlafen konnten, an's Land und erzählten einander ihre Abenteuer, um sich die Zeit zu vertreiben. Die zwei Söhne waren auch unter ihnen. Sie wußten nicht, daß ihr Vater und ihre Mutter so nahe waren. Da sagten die zwei Knaben: „Wir wollen einander Rätsel aufgeben, wer die Lösung trifft, bekommt zehn Gulden, wer sie verfehlt, zahlt den Aufgebern zehn Gulden." Die Schiffer waren einverstanden und sagten: „Da die zwei Knaben verständiger sind als wir, so mögen sie beginnen." Da fingen die Knaben an und sagten: „Wir haben eine köstlich schöne Jungfrau gesehen und sie sieht nichts mit ihren Augen. Sie hat einen schönen Leib, aber sie ist nicht vorhanden. Sie steht jeden Frühmorgen auf und zeigt sich nicht den ganzen Tag. In der Nacht kommt sie wieder, in einem Schmuck, der nicht einmal noch erschaffen wurde und auch nicht besteht. Mit geschlossenen Augen sieht man sie, bei geöffneten schwindet sie. — Das ist das Rätsel, löset es!" Alle wunderten sich über das Rätsel und sagten, es wäre so schwer, daß man es nicht lösen könne. Unter ihnen war auch ein alter Kaufmann, der es mit aller Gewalt lösen wollte und auch eine Lösung sagte. Die Knaben ließen seine Lösungen nicht gelten und man stritt darüber, bis es Tag wurde. Da sprach ein Schiffer: „Höret mich an! Gehet auf's Schloß und der Fürst wird entscheiden, wer im Rechte ist." Die Streitenden waren damit zufrieden und begaben sich zum Fürsten. Der Fürst fragte: „Was wollt ihr so früh?" Sie erzählten den ganzen Vorgang. Als der Fürst das Rätsel hörte, erschrak er gar sehr. Er sah die Knaben an und erkannte sie, Sie waren nicht sehr groß gewachsen. Er sagte zu ihnen: „Woher wisset ihr, daß die Lösung des Kaufmannes nicht die richtige ist?" Sie antworteten: „Lieber Herr, unser Vater war ein gelehrter Mann und der hat das Rätsel erdacht und seine Lösung gestellt. Also kann es keiner lösen als wir oder unser Vater." Da sprach der Fürst: „Wenn ich es treffe, so bin ich euer Vater?" Sie sagten: „Wenn es einer trifft, so muß es unser Vater sein, denn er hat das Rätsel keinem anvertraut, nur uns Knaben und wir haben es keinem verraten." 10* 139