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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 138

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 138 (sequence 156)
Language
German
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t^ürst antwortete: „Ich wundere mich über das herrliche, vernünftige Rätsel, ich möchte es von der Frau selber gerne hören. Vielleicht habt ihr was vergessen oder etwas hinzugefügt. Und wenn sie mir auch so erzählt, so will ich dann darüber nachdenken, vielleicht errate ich es." Der Gelehrte sandte denn auch einen Boten zu ihr und der Knecht lief geschwind zu der Frau und sagte: „Mächt euch fertig! Ihr sollt zum Fürsten kommen und mit ihm und eurem Mann dort essen und trinken". Als die gute Frau dieses hörte, schlug ihr das Herz gar stark, denn sie wußte nicht, warum sie hingeführt werde und fürchtete, sie könnte aus dem einen Unglück in ein noch größeres kommen. Doch was konnte sie tun? Sie mußte dort hingehen, wohin man sie führte. Nun kleidete und schmückte sie sich, wie eine, die vor einen König kommen soll. Sie kam ins Schloß und der Fürst ließ sie eintreten. Sie trat ein, man reichte ihr einen Sessel neben ihren Mann hin und der Gelehrte begrüßte sie. Er zweifelte aber, ob sie sein Weib sei und auch sie erkannte ihn gar nicht; denn es waren bereits viele Jahre verstrichen und beide hatten sich ganz verändert sowohl im Aussehen als auch in der Kleidung. Und der Gelehrte schwieg und sie aßen und tranken und waren fröhlich und guter Dinge. Nur der Fürst konnte nicht lustig sein und saß in Gedanken vertieft. Da sprach der Schiffer zu ihm: „Mein Herr, warum seid ihr so traurig und sitzt in so schweren Gedanken? Wenn ihr es nicht gerne sehet, daß wir so lange essen und trinken, so wollen wir aufhören und unseren Weg gehen." Da sprach der Gelehrte: „Ihr seid mir gewiß liebe, werte Gäste, doch ich denke eben über das Rätsel nach. Ich möchte es von der Frau selbst gerne hören". Und der Schiffer hieß die Frau das Rätsel wiederholen. Und sie sagte es so, wie es der Schiffer getan. Der Gelehrte fragte sie: „Von wem habet ihr das Rätsel?" Sie sprach: „Herr, ich habe einen frommen Mann gehabt, einen großen jüdischen Rabbi, und er erzählte mir oft derlei alte Geschichten und Rätsel. Von diesem schwierigen alten Rätsel aber weiß kein Mensch die Lösung." Da fragte der Gelehrte: „Wenn aber einer doch die Lösung trifft, wollt ihr dann die Wahrheit bekennen?" Sie antwortete ihm: „Mein lieber Herr, es ist keiner auf der Welt, der dieses lösen kann, es sei denn mein Mann." Und der Gelehrte sprach: „Nun, ich kann euch das Rätsel lösen. Der Vogel, der vom Himmel auf die Erde fliegt, ist die Seele des Menschen, und sie setzt sich auf ein Bäumlein, das ist auf den Leib des Menschen. Dieser gleicht einem Baume, der grün und verzweigt aufwächst, das ist die Jugend, die einem hübschen Lustgarten gleicht. Und der Vogel kehrt und wendet den Baum, das heißt — die Seele, die ganz unsichtbar ist wie der Vogel, regiert den Menschen. Und daß der Baum alle Kräfte an sich zieht und darnach verdorrt, heißt, daß der Mensch alles, das Rechte und Unrechte, an sich reißt und die Seele vernachlässigt. Nun klagt die Seele den Leib an, daß bei ihrem Leben dem Leib nichts genug war, bis sie ihm Reichtum verschafft, nun sei er aber vertrocknet. Hätte er mit dem Reichtum Wohltaten erwiesen, so wäre beiden wohl, jetzt hilft beiden nicht 138

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