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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 137

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 137 (sequence 155)
Language
German
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So geschah es auch: alle Schiffer meldeten sich bei ihm und speisten mit ihm. Doch lange erfuhr er nichts von seinem Weibe und seinen Kindern. An einem Passahtage saß der Gelehrte mittags bei Tische und war gar fröhlich, da kam ein Knecht und meldete ihm einen braven reichen Fischer an, der darum ersuchte, daß man sofort die Untersuchung des Schiffes vornehme und ihn nicht allzulange aufhalte. Da sprach der Gelehrte: „Heute ist Feiertag. Ich darf ihn nicht fragen, was für Ware er führt. Er muß bis nach den Feiertagen warten. Er möge heraufkommen und mit mir speisen." Er schickte einen Diener, um ihn zu holen. Der Schiffer kam und wurde vom Fürsten zum Sitzen eingeladen. Aber der Schiffer bat gar sehr, man möge ihn weiterfahren lassen. Es half aber nichts, er mußte bleiben uijd mit dem Gelehrten speisen. Der fürstliche Gelehrte fragte den Fremden, woher er sei und ob er Frau und Kinder habe. Der fremde Schiffer erzählte ihm, woher er komme, und daß er zwei Weiber habe, die eine wäre zu Hause und mit ihr hätte er drei Kinder. „Diese halte ich als Hauswirtin. Die andere aber ist gar zart und taugt nicht zur Hausarbeit. Aber verständig ist sie, weswegen ich sie immer mit mir führe. Sie empfängt von den Leuten das Geld, das sie mir schulden, schreibt es auf und verwahrt mir alle meine Sachen. Ich habe sie aber noch kein einziges Mal berührt." Da fragte der Gelehrte: „Mein lieber Schiffer, warum habt ihr sie noch nicht berührt?" Da antwortete ihm der Schiffer: „Die Frau hat früher einen Mann besessen, der sehr verständig war, und von dem sie ein Rätsel gelernt. Wer das Rätsel löst, der ist ihr Mann und den läßt sie neben sich schlafen. Wer aber das Rätsel nicht trifft, dem weigert sie sich." Da sprach der Gelehrte: „Lieber Schiffer, ich bitte euch, erzählet mir, wie das Rätsel lautet." Da sagte der Schiffer: „Die Frau behauptet, wie ein Vogel fliegen zu können, vom Himmel bis auf die Erde, ohne Flügel, Un setzt sich auf ein kleines Bäumlein, Gar hübsch un gar fein. Es wendet und kehrt sich das Bäumlein hin un her, Man sieht den Vogel nimmermehr, Es kräftigt das Bäumlein, bis es tut blühen die schönsten Blumen. Es zieht an sich alle Kräft, die es nur kann bekummen. Unversonnen dorret das Bäumlein, un wird ganz vergift. Der Vogel fliegt von ihm in die Lift, Hebt an zu singen un zu brummen, Schreit: „Ei, du betrübtes Bäumlein, wer hat dir deine Kräft genummen, Da du sie gern gehabt hast, kannst du sie nit bekummen, Nun hast du sie bekummen durch mich^ So verdorrst du, was hilft es dich?" „Weiser König, das ist das Rätsel, das ich unmöglich lösen kann." Als der Gelehrte dieses Rätsel vernahm, erschrak er gar sehr, da er wußte, daß dies sein Rätsel sei und das Weib das seinige sein mußte. Als der Schiffer den Fürsten so erschrocken sah, sprach er zu ihm: „Lieber Herr, warum erschreckt ihr?" Und der

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