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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 136

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 136 (sequence 154)
Language
German
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mich ja doch einmal fressen. Dann werde ich nicht einmal neben anderen Frommen meines Volkes bestattet werden, wie es einem frommen Juden geziemt. Ich habe doch keinen anderen Ausweg, als mich ins Meer zu stürzen, wo auch meine zwei Kinder ertranken — er wußte nicht, daß auch sie das Meer ausgespieen — so kann ich wenigstens zu ihnen kommen und mich im Jenseits mit ihnen freuen." So beschloß er denn, sein Leben zu enden, bereitete sich auf den Tod vor und bekannte seine Sünden vor Gott in heißen, bitteren Tränen. Als er sein Bekenntnis beendet hatte, lief er zum Meer hin, um sich zu ertränken. Da ließ sich eine Stimme vernehmen, die ihn beim Namen rief und ihm sagte: „Warum verzweifelst du, Mensch, und willst deine Seele verderben? Geh* auf den Hügel zurück, wo du früher gewesen, grabe nach und du wirst einen Kasten voll Gold und Edelsteinen finden. Mit dem Kasten geh' an den Strand und warte. Bald werden Menschen auf einem Schiff kommen und dich mit deinem Kasten auf ihr Schiff nehmen. Nicht lange wird es dauern und du wirst ein König werden. Dann ist das Ende deiner Leiden gekommen und die Freude beginnt." Als der Gelehrte dies gehört, ging er zum Hügel zurück und fing zu graben an, wie ihm die Stimme befohlen. Er fand auch wirklich den Kasten mit Gold und Edelsteinen und er schleppte ihn bis an's Ufer des Meeres. Bald sah er ein Schiff und er schrie mit lauter Stimme, sie mögen anlegen und ihn aufnehmen, denn er wäre auch ein Mensch wie sie. Als die Leute hörten, daß er wie andere Menschen spreche, fuhren sie an's Ufer heran und fragten ihn, wer er sei und was ihn hiehergebracht. Er erzählte ihnen, wie es ihm bisher erging. Sie nahmen ihn und seinen Kasten ins Schiff. Als er schon auf dem Schiffe war, da eilte sein wildes Weib mit dem wilden Kinde herbei, die sein Schreien vernommen hatte und bat ihn, er möge sie auch mitnehmen. Er aber spottete ihrer und sprach: „Wozu brauche ich wilde Tiere? Ich habe ein besseres Weib, als du es bist." Als die wilde Königstochter dies hörte, ergrimmte sie, nahm das Knäblein bei den Füßen, zerriß es, warf ihm einen Teil aufs Schiff, den andern verzehrte sie und lief zornentbrannt davon. Auf einer Insel des Meeres stiegen sie an's Land. Der Gelehrte öffnete den Kasten — drin waren Gold und Edelsteine, wie sie in keinem Königsschatze zu finden sind — und zahlte mit Freuden dem Schiffer seinen Lohn. Dann ließ er sich den Kasten in seine Herberge tragen. In der Nacht dachte er: „Wenn ich die Insel vom König kaufen könnte, so würde ich ein Schloß und eine Stadt allhier bauen; ich brauchte dann nicht zu fürchten, daß mir jemand mein Geld stehlen könnte." Des Morgens ging er zum König und kaufte ihm die Insel ab, welche einige Meilen lang war. Er baute sich ein Schloß und eine Stadt. Schließlich ward aus dieser Insel ein wirkliches Reich. Der Bewohner wurden immer mehr und sie wählten ihn zum Fürsten. In all seinem Glück dachte er noch immer an Weib und Kinder, die er so jämmerlich verloren hatte und da ließ er verkünden, daß keines der Schiffe, die an seiner Insel vorbeiführen, ununtersucht passieren dürfe. So hoffte er, sein Weib wiederzufinden, das ihm durch Schiffer geraubt worden war. 136

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