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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 135

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 135 (sequence 153)
Language
German
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zu seinen Kindern. Doch hatte er nun keinen Pfennig, um für die Kinder Brot zu kaufen und es gab nichts zu verdienen. Denn jedweden Gewerbes war er unkundig. Da erblickte er ein Schiff, das nach Ostindien fahren wollte; er erinnerte sich des Traumes und sprach zu seinen Kindern: „Kommt! Eure Mutter wurde von Schiffsleuten hinweggeführt, wir wollen auch in ein Schiff gehen, vielleicht treffen wir eure Mutter und Gott führt uns wieder zueinander." Und der arme Mann ging zum Schiffsherrn und bat, man möge ihn und seine Kinder unentgeltlich auf's Schiff nehmen, da er so arm sei, daß er nicht einmal einen Bissen Brot kaufen könne. Und er erzählte dem Schiffer, wie es ihm bisher ergangen. Und der Schiffer erbarmte sich seiner, nahm ihn und seine zwei Kinder auf's Schiff und gab ihnen Essen und Trinken, soviel sie wollten. Als sie mitten auf dem Meere waren, ließ Gott einen starken Sturmwind wehen; der zertrümmerte das Schiff und alle ertranken bis auf den Gelehrten, seine zwei Kinder und den Schiffer, der sie gespeist. Diese waren nicht ertrunken, da jeder ein Brett ergriffen hatte, an dem er sich festhielt. Das Meer warf sie an's Land, jeden an ein anderes. Der Gelehrte wurde in eine große Wildnis verschlagen, wo Wilde hausten. Die Tochter des Königs der Wilden erblickte ihn, denn sie weidete die Schafe und Rinder in der Wüstenei. Sie war ganz nackt, mit Haaren bewachsen und mit Feigenblättern umgürtet, um ihre Scham zu verdecken. Sie ging zu ihm, empfing ihn liebreich und bat ihn, sie zum Weibe zu nehmen. Aus Furcht kam auch er ihr mit Liebe entgegen und gab ihr zu verstehen, daß er sie zum Weibe nehmen wolle. Als ihn einige Wilde im Gespräche mit dem Weibe erblickten, begannen sie zu pfeifen. Da sprangen die Alten und Jungen aus den Löchern, wo sie Wohnungen hatten, hervor und liefen auf ihn zu, um ihn zu töten und sein Blut zu trinken und sein Fleisch zu fressen. Der König war auch dabei. Der Gelehrte erschrak so sehr, daß fast kein Atem in ihm blieb. Die Königstochter sah es und sagte ihm, er solle nichts fürchten. Sie ging zum König, Ihrem Vater, und bat ihn gar sehr, daß er den Fremden am Leben lasse und ihn ihr zum Manne gebe. Der König willfahrte seiner Tochter und ließ ihn am Leben; der Gelehrte mußte sich in der Nacht neben sie legen und ward so ihr Mann und sie sein Weib." Gar oft aber dachte er an sein schönes frommes Weib, das ihm entrissen ward. Doch daran war nichts zu ändern und er ertrug alles mit Geduld; denn er hoffte heimlich im Innern seines Herzens, daß ihm Gott doch noch zu seinem frommen Weibe und zu seinen Kindern verhelfen werde. Nach Jahresfrist gebar die Königstochter ihrem Manne ein Knäblein, ein wildes. Er hütete Tag für Tag das Vieh in der Wildnis und so waren bereits zwei Jahre verstrichen. Er mußte mit den Wilden das Fleisch von Menschen und Tieren essen und wohnte in den Höhlen des Gebirges mit seinem Weibe. Er selbst sah schon einem Wilden ähnlich. Einst stand der arme Mann in der Wüste auf einem Hügel, nicht weit vom Meere und dachte über sein Unglück nach, wie er sein frommes Weib und seine Kinder verloren und — was ihn am schwersten traf — daß er nun schon zwei Jahre zwischen unverständigen Wilden leben mußte. Er sagte sich: „Wenn sie meiner müde geworden, werden sie 135

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