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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 134 (sequence 152)
Language
German
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ihr die Wäsche; so ward die arme Frau eine Wäscherin. Die Stadt, in der sie wohnte, lag am Strande des Meeres, und alle Tage ging die Frau mit ihren zwei Kindern zum Meere hinaus und wusch dort die Wäsche und breitete sie dann zum Trocknen auf den Sand. Einst geschah es, daß ein Schiff vorbeifuhr; der Schiffsherr steuerte nahe dem Ufer. Er bemerkte sie und sah, daß sie sehr schön sei, und er wunderte sich ob ihrer Schönheit. Und die Frau sagte: „Mein Herr, warum seid ihr so verwundert?" Da antwortete der Schiffer: „Meine liebe Frau, ihr dauert mich; was zahlt man euch für ein Hemd, wenn ihr es wascht?" Darauf die Frau: „Zwei Groschen für ein Männerhemd, denn ich muß es sauber waschen." Da sprach der Schiffer: „Ich will euch vier Groschen zahlen, wenn ihr mir mein Hemd sauber waschen wollt." Da sprach sie: „Gar gerne will ich es waschen." Und sie nahm das Hemd, wusch es und trocknete es auf dem Sande und der Schiffer wartete auf sein Hemd. Er sah ihr zu, wie sie es wusch, trocknete und sauber zusammenfaltete. Da der Schiffer mit seinem Schiffe nicht ganz an's Ufer fahren konnte, ankerte er sein Schiff einige Ellen vom Ufer entfernt. Er warf ihr darum die vier Groschen in Papier eingewickelt zu und sie fing sie auf. Dann sprach er: „Langet mir mein Hemd hinüber!" Die Frau watete in das seichte Wasser und brachte ihm das Hemd zum Schiff. Da ergriff er ihre Hand und zog sie ins Schiff und fuhr eilig fort und sie schrie furchtbar im Schiff und die Kinder am Ufer. Es half aber nichts. Das Schiff fuhr schnell und gar bald hörte sie nicht einmal das Schreien der Kinder. Als die zwei Kinder nichts mehr von der Mutter hörten und sahen, liefen sie zu ihrem Vater ins Gefängnis und erzählten ihm weinend und klagend den ganzen Vorfall. Als dies der Vater hörte, da weinte er und schrie und rief: „Gott, mein Gott, warum verlassest du mich in einem solchen Elend? Ich habe ja niemand mehr, der mich im Gefängnis ernähren könnte." Über seinem Jammern und Wehklagen schlief er ein. Da träumte ihm von einer großen Wüste, die war voll von wilden Tieren; die standen über ihm und wollten ihn fressen. Und er begann vor Furcht und Angst zu zittern. Angstvoll blickte er um sich; da sah er eine Herde von Schafen und Rindern, und als die wilden Tiere diese sahen, da ließen sie von ihm ab und liefen dem Vieh nach. Indes entfloh er und kam zu einem Schlosse, das bei einem Wasser lag, und auf dem Wasser, segelten viele Schiffe. Er kam ins Schloß und man setzte ihn auf einen Königsthron und er freute sich mit den Schiffsleuten gar sehr. Als er vom Schlafe erwachte, dachte er über den Traum nach und sagte zu sich selber: „Der Traum deutet darauf, daß nun mein Elend zu Ende ist, und daß mir Gott wieder helfen und durch Schiffer Glück bringen wird, so wie ich durch Schiffer unglücklich geworden bin." Zur selben Zeit war der König der Stadt gestorben und das Volk wählte den Sohn zum König an des Vaters Stelle. Der neue König befreite die Stadt vom Tribut für drei Jahre und gab Befehl, alle, die im Gefängnis saßen, in Freiheit zu setzen, damit er sich einen guten Namen beim Volke erwerbe. So v/urde auch der Gelehrte befreit und er ging 134

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