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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 133 (sequence 151)
Language
German
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IRI
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Ein Märchen aus den Memoiren der GLÜCKEL VON HAMELN. Aus dem Jüdischen übersetzt von LEO GOLDHAMMER. s war einmal ein frommer Mann, der hatte ein frommes Weib und zwei Söhne. Er hatte auch etwas Geld, davon lebte er, aber ein Geschäft konnte er nicht betreiben, denn er war nur des Lernens kundig-. Doch wollte er um alles Veit Weib und Kind selbst ernähren und sein Gut mehren, um nicht dereinst von den Gaben fremder Leute leben zu müssen. Aber das Glück wollte ihm nicht wohl und er geriet in Schulden, und da er keinen hatte, der für ihn bürgte, so verklagten ihn die Leute, denen er schuldig war. Der Richter ließ ihn deshalb in den Schuldturm werfen. Sein Weib weinte bittere Tränen und wußte nicht, auf welche Art sie ihre Kinder ernähren solle, da doch ihr Mann im Gefängnis war, der für sie alle hätte sorgen sollen. Als sie nun so jammerte und weinte, kam zu ihr ein alter Mann und fragte sie, warum sie weine. Sie sah, daß es ein ehrwürdiger alter Mann war, und so erzählte sie ihm all ihre Not. Da sagte der alte Mann: „Hör' auf zu weinen, Gott wird euch wieder helfen. Weil dein Mann die Lehre geachtet hat, wird der Herr seiner nicht vergessen. Denn Gott läßt keinen Gelehrten untergehen. Hilft er ihm nicht in der Jugend, so hilft er ihm im Alter. Ich weiß es, du wirst in noch größere Not geraten, und dein Mann und deine Kinder werden noch viele Tränen weinen. Aber alles wird euch Gott entgelten, wenn ihr in Geduld euer Schicksal ertragen werdet." So tröstete sie der Alte und gab ihr den Rat, sie möge Wäscherin werden und den Leuten um Lohn die Wäsche waschen. „So wirst du dich und deinen Mann -und deine Kinder ernähren können, wenn du dich nur nicht schämst, die Leute aufzusuchen und sie um ihre Wäsche zum Waschen zu bitten." Die Frau ward durch die Trostworte des alten Mannes etwas mutvoller, dankte ihm freundlich und Versprach, seinem Rate zu folgen. Der Alte ging wieder seines Weges und sie ging in ihr Haus und bereitete ein Nachtmahl für ihren Mann vor; dann ging sie ins Gefängnis zu ihrem Manne und tröstete ihn, er möge nur Geduld haben und beim Lernen des Gotteswortes ausharren. „Ich will Tag und Nacht arbeiten, damit ich dich und die Kinder ernähre." Da hub der Chassid bitterlich zu weinen an und sein frommes Weib weinte mit ihm und beide jammerten, daß sich Gott erbarme. Aber die kluge, fromme Frau ermannte sich zuerst und sprach: „Das Schreien und Weinen wird uns und unseren Kindern nicht helfen und kein Brot bringen. Ich will gehen und nachsehen, was für eine Arbeit mir Gott bescheren wird, damit ich etwas für uns alle verdiene." Da sprach der Chassid: „So geh' denn mit Gott, mein liebes Weib." Sie ging zu ihren Kindern nach Hause, um sich schlafen zu legen. Frühmorgens, als ihre Kinder noch schliefen, stand sie auf und ging in die Häuser und bat, man möge ihr zum Waschen geben. Und die Stadtleute erbarmten sich ihrer und gaben 133

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