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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 126

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 126 (sequence 142)
Language
German
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— die Juden aus den Ländern der Diaspora direkt nach Palästina. Und da die historische Notwendigkeit die Lösung der Judenfrage auf sich genommen hat, so bleibt natürlich den „Poalei-Zion" nichts übrig, als einen unverhüllten rein^proletarischen Klassenkampf zu führen. Wenn man diese theoretische Konzeption näher betrachtet, so muß einem jeden die Beweisführung der P.-Z., daß Palästina das einzige Land ist, wohin die historische Notwendigkeit die Juden dirigiert, als etwas Gekünsteltes, speziell ad hoc Ersonnenes erscheinen. Wenn man zu Gunsten Palästinas, als des für die jüdische Ansiedlung am besten geeigneten Landes, gewisse idealistische und praktische Zweckmäßigkeitsmomente, gewisse Imponderabilien, sowie klimatische, physisch-geographische, politische u. a. Erwägungen, geltend macht — so ist das ganz verständlich und erscheint oft auch recht einleuchtend. Wenn man es aber unternimmt, theoretisch zu beweisen, daß die allmächtige blinde historische Notwendigkeit gerade Palästina als das Territorium erkoren hat, wenn man auf diese Weise die soziologische Prognose in geographische Bahnen lenkt, — so kann das nicht ernst genommen werden. — Auch ist es schwer zu begreifen, wie der Klassenkampf der „Poalei-Zion" in Rußland, den sie als einzig mögliches Mittel der Realisierung des Territorialismus betrachten, — zur territorialen Autonomie der Juden ... in Palästina führen kann. Das ganze theoretische Gebäude der „Poalei- Zion" beweist uns am klarsten, daß man die allgemeinen marxistischen Lehrsätze, wie sie für die normalen Lebensbedingungen der meisten Nationen zugeschnitten sind, nicht ohneweiters auf die eigenartigen und komplizierten Probleme des jüdischen Lebens übertragen darf. Man läuft sonst Gefahr, an Stelle einer gesunden und lebensfähigen Auffassung vom „Sein und Werden" der jüdischen Nation eine abstrakte Karikatur derselben vor sich zu erblicken. XII. Aus dem bisher Gesagten könnte man geneigt sein, den Schluß zu ziehen, daß die drei charak- 126 terisierten Strömungen des sozialistischen Territorialismus durch unüberbrückbare Differenzen theoretischer und praktischer Natur voneinander getrennt seien. Doch haben diese Parteien, wie bereits bemerkt, in den letzten Jahren eine äußerst intensive Evolution durchgemacht, die sie einander — besonders in praktischer Beziehung — bedeutend näherte. In derselben Richtung mußte auch das Bewußtsein wirken, daß bei der allgemeinen sozial-ökonomischen Schwäche des jüdischen Proletariats die Zersplitterung seiner Kräfte zwischen mehreren sich nahestehenden Parteien zu äußerst unerwünschten Resultaten führen muß. Was zunächst die theoretischen Differenzen betrifft, so sind sie in der Mehrzahl der Fälle nicht so bedeutend, um nicht nebeneinander innerhalb einer Partei als Nuancen bestehen zu können. Das Wichtigere und Symptomatische besteht aber darin, daß in letzter Zeit auch auf rein praktischem Gebiete die Koordination der Tätigkeit der sozialistisch-territorialistischen Parteien immer mehr als wünschenswert und möglich anerkannt wird. So vor allem in den Fragen der allgemeinen Politik, in der Gewerkschaftsbewegung, Kulturtätigkeit etc., — Gebiete, wo Parteidifferenzen fast überhaupt nicht existieren. Aber auch eine Anzahl spezifisch jüdischer Fragen verlangen immer dringender die Vereinigung der national-gesonnenen Elemente des jüdischen Proletariats. So vor allem die gegenwärtig zweifellos aktuellste Frage des jüdischen gesellschaftlichen Lebens — die Regulierung und die Organisation der jüdischen Wanderung, die sich bekanntlich zum größten Teile aus proletarischen Elementen zusammensetzt. Auf diesem Gebiete eröffnen sich die breitesten Perspektiven eines gemeinsamen Vorgehens und Wirkens aller organisierten Kräfte der jüdischen Arbeiterschaft — in der Richtung einer radikalen, d. h. territorialistischen Lösung unseres historischen Wanderungsproblems. Ferner steht vor dem jüdischen Proletariat die gemeinsame Aufgabe — der Erkämpfung einer selbständigen nationalen Sektion in der „Internationale", was selbstredend nur auf dem Wege eines kollektiven Vorgehens wenn nicht aller, so doch der überwiegenden Mehrheit der jüdischen

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