Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 125 (sequence 141)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/1112869-9311769--474-1113013
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Problems aus. Jedoch vertreten die Anhänger derselben in bezug auf die Dynamik des sozialen Lebens der jüdischen Nation in der Diaspora einen mehr oder weniger ausgesprochenen dualistischen Standpunkt. Sie schlugen nämlich eine Mittellinie ein zwischen dem „Bund" und den „Zionisten-Sozialisten" (S. S.). Der Bund ist mit den allgemeinen Entwicklungstendenzen der Juden im Golus höchst zufrieden: „Alles geht in bester Ordnung in dieser schönsten aller Welten." Die Zionisten-Sozialisten dagegen behaupten, daß in den Verhältnissen der Diaspora eine normal-progressive Entwicklung der jüdischen Ökonomik und Kultur unmöglich ist. Die „Seimisten" ihrerseits glauben im jüdischen Golusleben neben den negativen, isolierenden und zerstörenden auch positive, aufstrebende und schöpferische Tendenzen zu erblicken, Tendenzen, die eine fortschreitende Entwicklung der Juden in der Diaspora ermöglichen. Worin diese letzteren Tendenzen sich äußern, darüber werden keine näheren Hinweise gemacht. Doch ist es klar, welche Funktion diese positiven Momente im seimistischen Programm zu erfüllen haben. Auf dieser Basis wird nämlich das komplizierte Gebäude der national-politischen Autonomie der Juden in der Diaspora errichtet. Ihre Grundlage bilden die sich selbst verwaltenden jüdischen Gemeinden, die vom allgemeinen jüdischen nationalen Seim geleitet werden. Diesem Seim sollen bestimmte staatliche Funktionen auf allen Gebieten des jüdischen Lebens zugewiesen werden, wie das Recht der obligatorischen Besteuerung der gesamten jüdischen Bevölkerung, das Repräsentationsrecht etc. Dem Seim fällt schließlich — freilich „historisch" — auch die Aufgabe zu, den Territorialismus auf dem Wege der Kolonisation eines geeigneten Territoriums zu verwirklichen. Wie aus dieser kurzen Darstellung zu ersehen ist, liegt der Schwerpunkt der Tätigkeit und der Bestrebungen der „Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei" tatsächlich in der Diaspora. Der Territorialismus ist hier ein fernes Ideal, dessen Erreichung ad Kalendas Graecas aufgeschoben wird, und bildet infolgedessen gewissermaßen nur ein dekoratives Element im Parteiprogramm. Außerdem steht der Territorialismus der „Seimisten" theoretisch so ziemlich in Widerspruch mit ihrer dualistischen Auffassung der Dynamik des jüdischen Lebens. Was soll eigentlich die jüdischen Volksmassen zur Verwirklichung des Territorialismus treiben, wenn ihnen in der Diaspora eine mehr oder weniger ersprießliche Entwicklung ihrer nationalen Kräfte offen steht? Darauf erwidern die „Seimisten" in der Regel, es werde trotzdem stets eine gewisse Distanz zwischen dem Wohlstand und der Entwicklungshöhe der Juden und der anderen sie umgebenden und ausbeutenden Nationen fortbestehen. Dieses Motiv, das uns gewissermaßen als sozialer Neid erscheint, kann jedoch schwerlich als Triebkraft einer Bewegung angesehen werden, die, wie der Territorialismus, die höchste Anstrengung aller Volkskräfte und unzählige Opfer erfordert. Es fällt somit eines der wesentlichen Momente und Bestandteile der historischen Notwendigkeit des Territorialismus weg, nämlich die subjektive Notwendigkeit desselben für die Majorität des jüdischen Volkes. Der Frage der objektiven Möglichkeit des Territorialismus, wie den übrigen zahlreichen Problemen der Realisierung dieses nationalen Ideals, schenkten die „Seimisten" bisher äußerst wenig Aufmerksamkeit. XI. Bei der Charakterisierung der dritten — „Poalei-Zionistischen" Strömung im sozialistischen Territorialismus können wir uns ganz kurz fassen, da sie von denselben Anschauungen über die Statik und Dynamik der jüdischen Wirklichkeit ausgeht, wie die „Zionisten-Sozialisten". In reintheoretischer Beziehung ist es überhaupt unmöglich, von den „Poalei-Zion" als einem homogenen Gebilde zu sprechen, denn die P.-Z. in Rußland vertreten ganz andere Anschauungen, als die in Österreich oder Amerika. Die ersteren, auf die wir uns hier dem Rahmen unserer Arbeit gemäß beschränken, streben um jeden Preis an der „Reinheit" ihres recht dogmatisch aufgefaßten Marxismus festzuhalten. Die unvermeidlich-stychische, eherne historische Notwendigkeit führt — nach dieser Auffassung 125

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.