Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 140)
- Language
- German
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Und noch eins sollte man hier in Betracht ziehen: der Klassenkampf ist nicht bloß eine Methode, ein Mittel, er ist unter Umständen auch selbst ein Ziel für die aufstrebenden Klassen der Nation. „Die Nationalitätenpolitik der Arbeiterklasse, bemerkt darüber zutreffend Otto Bauer*, muß der Aufgabe dienen, im Nationalitätenstaate die Bedingungen des unverhüllten Klassenkampfes zu schaffen, die ja für die Arbeiter jeder Nation ihre besondere nationale Politik ist." Umsomehr muß das die Richtschnur der nationalen Politik der jüdischen Arbeiterschaft sein. Ist die territoriale Autonomie der Juden auf freiem Territorium eine notwendige Etappe auf dem Wege der weiteren Entwicklung der jüdischen Nation überhaupt und der sozialen Emanzipation der jüdischen Arbeiterklasse insbesondere, — so muß auch das jüdische Proletariat im Prozesse der Verwirklichung dieses Ideals einen — seiner sozialen Stellung entsprechenden — aktiven Anteil nehmen, in welcher Form diese Aktivität sich auch äußern mag: sei es die Propaganda in der erwünschten Richtung innerhalb und außerhalb des Judentums, wie die Erweckung und Stärkung einer breiten territorialistisch-gesonnenen Demokratie im jüdischen Volke, die Gewinnung der Sympathien der europäischen — politischen und sozialen Demokratie — sei es die Einwirkung auf die territorialistische Politik der jüdischen Bourgeoisie im Sinne ihrer Demokratisierung, sowie in der wirksamen Unterstützung ihrer real-territorialistischen Aktivität. Es liegt wohl auf der Hand, daß die jüdische Bourgeoisie ihrer sozialen und politischen Situation gemäß — wenigstens in den Anfangsstadien der Verwirklichung des Territorialismus — berufen ist, eine bedeutendere und aktivere Rolle zu spielen, als die jüdische Arbeiterschaft. Nur dank seiner konsequent-radikalen Weltanschauung gelangte das jüdische Proletariat en masse früher als die anderen am Territorialismus interessierten Schichten des jüdischen Volkes zu einem tieferen und klareren Einblick in die sozialen Zusammenhänge und Prozesse des jüdischen Lebens. * „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie". Wien 1908, p. 439. 124 Ich will keineswegs behaupten, daß bei der Lösung unseres nationalen Problems das Klassenmoment gänzlich ausgeschaltet bleiben muß oder wird. Ich bin weit entfernt, der Theorie der sozialen Interessenharmonie aller Klassen des jüdischen Volkes, dem sogenannten „Klal-Jisroel- Standpunkt" hier das Wort zu reden. Man darf nicht vergessen, daß die Koinzidenz der Interessen keineswegs deren Identität bedeutet. Die verschiedenen Klassen des jüdischen Volkes gelangen zum Territorialismus, von ihren eigenen besonderen Klassenmotiven bewegt und von ihren eigenen Klassenzielen geleitet. Die f o r m e 11-gleiche Lösung derselben „Judenfrage" erlangt daher bei den einzelnen Klassen einen verschiedenen gesellschaftlichen Inhalt und eine verschiedene historische Bedeutung. Hieraus folgt auch, daß der Klassenkampf i m Prozesse der Realisierung des Territorialismus nicht nur möglich, sondern unvermeidlich ist. Und zwar ein Kampf der in diesem Prozesse beteiligten Klassen der jüdischen Nation für die weit möglichste Anpassung der gesamten Bewegung und der neuen Lebensformen an ihre besondere soziale Situation. So wird die jüdische Arbeiterklasse selbstredend auch hier die Vertreterin der weitgehendsten Demokratie und des Fortschrittes auf allen Gebieten des sozialen Schaffens sein. So kommen wir zum Ergebnis, daß, wenn der Klassenkampf, die Schaffung der notwendigen Bedingungen seiner freien Entfaltung, bei der Lösung unseres nationalen Problems einerseits das Ziel der jüdischen Arbeiterklasse bildet, so spielt er anderseits im Prozesse derselben die Rolle einer regulierenden Kraft, welche die Gleichwirkende der Bestrebungen der verschiedenen im Territorialismus beteiligten sozialen Gruppen herstellt. X. Wir wollen nun zur kurzen Charakteristik der zweiten Unterströmung im sozialistischen Territorialismus, die in der „Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei" (Serp auch Seimisten) ihren Ausdruck fand, übergehen. Auch diese Partei geht von der Anerkennung der Judenfrage als eines sozial-ökonomischen*