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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 123

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 123 (sequence 139)
Language
German
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Man vergißt, daß bei den in selbständigen politischen Gebilden organisierten Nationen der Klassenkampf des Proletariats einen ganz anderen Inhalt und eine ganz andere Bedeutung hat, als bei einer staatlosen und dabei noch exterritorialen Nation, wie es die Juden sind. — Bei den staatlich-organisierten Nationen wird der größte Teil der allgemein nationalen sowie auch der partiell-sozialen Probleme und Bedürfnisse — gut oder schlecht — doch von den Organen des Staates gelöst und befriedigt. Das Proletariat hat hier also in erster Linie einen Kampf zu führen für die weitmöglichste Anpassung der Staatstätigkeit an seine spezifischen Klasseninteressen. Hier bildet der vorwiegend politische Klassenkampf tatsächlich den Hauptstrom und die wichtigste Triebfeder des gesellschaftlichpolitischen Fortschrittes. Freilich hat auch hier die Tätigkeit des Proletariats eine Reihe von Nebenströmen nachzuweisen, in denen das Klassenkampfsmoment sich unmittelbar nicht manifestiert und die nichtsdestoweniger für die Befestigung und Verstärkung der sozialen Positionen der Arbeiterklasse eine gewisse mehr oder weniger große Bedeutung haben; so die Genossenschäftsbewegung, die kulturelle Aufklärungs- und Erziehungstätigkeit etc. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei einer exterritorial-staatlosen Nation, die keine allgemein politische Zwangsorganisationen f ür die Befriedigung ihrer eigenen spezifisch-nationalen Interessen besitzt. Auch liegt es auf der Hand, daß eine derartige Nation diese politischen Institute vollwirksam überhaupt nicht ausnutzen könnte, denn die Exterritorialität, die Endursache der meisten Krankheitserscheinungen ihres Daseins, kann ja selbstredend durcli irgend ein politisches Dekret oder „autonomes Recht" nicht aus der Welt geschaffen werden. Und wenn es wahr ist, daß „es Möglichkeiten gibt, die weit vom Alltäglichen liegen, Mittel, die im scharfen Gegensatz zu den in normalen Zeiten angewendeten stehen, und daß ja auch der berühmte Handkuß Mirabeau's ein Mittel des Klassenkampfes der jungen Bourgeoisie gegen das französische Königtum war*", so ist das in bezug auf das jüdische * Dr.K.Renner, „Möglichkeiten des Klassenkampfes", „Neue Zeit". J. XXVI, B. I, p. 22. Leben mit seinen verwickelten Problemen in ganz besonderem Maße zutreffend. Hier müssen die Nebenströme besonders zahlreich und bedeutend sein, denn der Hauptstrom ist hier in ein äußerst schmales und von zahlreichen Dämmen gehemmtes Bett eingeengt. Den verschiedenen Formen der proletarischen Selbsttätigkeit, die unmittelbar keine Klassenkampferscheinungen darstellen, muß hier eine unvergleichlich bedeutendere Rolle zufallen, als bei den normal sich entwickelnden Nationen. Für das jüdische Volk müssen ja erst die normalen Bedingungen eines historisch erfolgreichen und sozial-schöpferischen Klassenkampfes geschaffen werden. Ist es nicht grenzenlos absurd, die territorial-autonome Lösung der Judenfrage aus dem Grunde zu verwerfen, weil sie nicht... auf dem Wege des Klassenkampfes erreicht werden kann? Die Möglichkeit der sozialistischen Betätigung des Proletariats auch außerhalb des unmittelbaren Klassenkampfes muß von jedem weitsichtigeren Sozialisten anerkannt werden. So schreibt darüber sehr zutreffend Ed. Bernstein*: „Der deutsche (und der russische, könnten wir hinzufügen) Sozialist, der überzeugt ist, in der Klassenkampfformel die Summe der sozialistischen Lehre zu besitzen, wird leicht über den Ausländer, der sich gegen diese Formel erklärt, die Achsel zucken und sich dessen Gegnerschaft lediglich aus mangelnder Erkenntnis erklären. Diese Erklärung ist aber selbst mangelnde Erkenntnis. Wenn ein Volk oder ein führender Teil eines Volkes sich sträubt, eine Parole anzunehmen, so ist in 99 von 100 Fällen das kein intellektueller Fehler, sondern eine Folge seiner Geschichte, bezw. seiner geschichtlichen Entwicklung." — Wir wollen jedoch so weit nicht gehen. Wir sind, wie gesagt, weit entfernt, das Klassenkampfprinzip in bezug auf das jüdische Leben überhaupt zu negieren. Was wir hier behaupten wollen, ist bloß, daß es — besonders für das Proletariat einer exterritorialen Nation — Aufgaben geben könne, die nicht auf dem Wege des Klassenkampfes gelöst werden können und die nichtsdestoweniger gelöst werden müssen. * „Nationale Besonderheiten und internationale Sprache" in den „Sozialistischen Monatsheften". 1904, B. II, p. 890. 9* 123

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