Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 138)
- Language
- German
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entfaltung hier durch äußere, störende Momente gehemmt wird. Die Lösung dieser Probleme besteht in der Beseitigung dieser Hemmnisse, in der Schaffung freier Entwicklungsbedingungen. Bei den Klassenbewegungen wachsen parallel mit der Zuspitzung der sozialen Konflikte eo ipso auch die Mittel zu ihrer Lösung. Auf dem Gebiete der allgemein nationalen Probleme dagegen kann die Kollision des Seienden und Seinsollenden immer schärfer werden, während die Möglichkeit ihrer Lösung absolut nicht größer, ja oftmals noch kleiner wird. Der Nation droht dann der historische Untergang. So ist das glänzende Athen, so ist auch das mächtige Rom von diesem harten Schicksale getroffen worden. Es ist aus dem Gesagten leicht zu ersehen, daß es unmöglich ist, eine absolut sichere Prognose auf dem Gebiete des sozialen Lebens überhaupt und der nationalen Probleme insbesondere aufzustellen. „Du mußt wollen und du kannst erreichen". So könnte man schematisch die historische Notwendigkeit der sozialen Ideale formulieren. Mehr sollte man auch zum Beweise der historischen Notwendigkeit der territorial-autonomen Lösung der Judenfrage nicht fordern. Nun haben wir die subjektive Notwendigkeit derselben für die Majorität des jüdischen Volkes, das „Wollenmüssen", bereits klargelegt. Was ferner die Frage der objektiven Möglichkeit, des „Erreichenkönnens" betrifft, so ist auch der Beweis derselben nicht schwer zu erbringen. Diese Frage zerfällt naturgemäß in eine Reihe Unterfragen, welche die verschiedensten Gebiete, wie allgemeine Politik, Diplomatie, Kolonialpolitik, Kolonisationssystem, Finanzpolitik etc. etc. berühren. Drei Momente treten hier aber besonders in den Vordergrund: ein zur Massenkolonisation geeignetes Territorium, das erforderliche Menschenmaterial und die zur Kolonisation notwendigen Geldmittel. Die zweckentsprechende Kombination dieser Faktoren schließt zweifelsohne eine Reihe äußerst komplizierter Probleme der verschiedensten Art in sich und bietet ein breites Feld für das schöpferische Einwirken der organisierten, zielbewußten Tätigkeit. Daß dies aber dem Gebiete der objektiven Möglichkeit entfällt, wird wohl niemand behaupten wollen. 122 Gerade die sozialistisch-territorialistische Weltanschauung war es, die auf diesem Gebiete zuerst die Synthese der subjektiven Elemente des Volkswillens, der zielbewußten Organisation mit den objektiven Faktoren der Realität vollbracht hat. Die Erforschung der historischen Wanderungen des jüdischen Volkes, ihrer sozialen Triebfeder, ihrer ferneren Tendenzen, sowie der in ihnen enthaltenen Möglichkeiten — worauf wir hier selbstredend näher nicht eingehen können* — führte die genannte Strömung im jüdischen Sozialismus zur Überzeugung, daß gerade hier, auf dem Gebiete der jüdischen Emigration, die organische Tätigkeit mit der Schaffung einer neuen Basis für die freie Entwicklung der jüdischen Nation beginnen muß. Von der Regulierung des ungeheuren jüdischen Wanderstromes durch dessen allmähliche Beherrschung zu seiner zielbewußten Dienstbarmachung den historischen Idealen der jüdischen Nation auf dem Wege der konzentrierten Kolonisation der wandernden Massen auf einem geeigneten, unbebauten Territorium — das sollen die Etappen des historischen Weges der jüdischen Nation aus der farbenarmen Gegenwart zu einer lichtvolleren Zukunft sein. IX. Welche Rolle soll nun die jüdische Sozialdemokratie bei der Realisierung des territorialistischen Ideals spielen? Was kann und soll denn überhaupt das Proletariat in einer Bewegung, deren Ziele nicht auf dem Wege des Klassenkampfes zwischen Arbeit und Kapital erreicht werden können? Mit diesen Fragen treten oft die Gegner an den sozialistischen Territorialismus heran. Auch hier äußert sich dieselbe kritiklose Obertragung des allgemeinen Maßstabes auf die abnormen Daseinsbedingungen der jüdischen Nation. * Vgl. meine Artikel: „Die Judenfrage als Wanderungsproblem" in den „Sozialistischen Monatsheften", 1909, Nr. 13. „Die Organisation der jüdischen Wanderung", Ebenda, 1909, Nr. 19—20. Ferner „Probleme der jüdischen Wanderung" in der „Jüdischen Zeitung", 1909, Nr. 35, 41, 44 und 46.