Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 137)
- Language
- German
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existieren. Hier und nicht — wie mancher jüdischsozialistische „Realpolitiker" es darzustellen sucht — im Bedürfnis des jüdischen Intelligenzlers, in „Vernunftsgymnastik", in „Pilpulistik", — ist die Ursache der verhältnismäßigen Kompliziertheit der theoretischen Konstruktionen der jüdischen proletarischen Parteien zu suchen. Diese Kompliziertheit ist übrigens auch nur eine relative, und zwar im Vergleich mit den äußerst „simplifizierten", „vereinfachten" Anschauungen der assimilatorischen und pseudonationalen Strömungen im jüdischen Sozialismus über die sozialen Grundlagen und Entwicklungstendenzen des jüdischen Lebens. Unter den zahlreichen theoretischen Problemen, die aus der territorial-autonomen Lösung der Judenfrage für den jüdischen Sozialismus entstehen, nimmt die Frage der sogenannten historischen Notwendigkeit derselben zweifelsohne den ersten Platz ein. Nach der sozialdemokratischen Auffassung alles sozialen Geschehens können nämlich nur solche gesellschaftlichen und politischen Bewegungen auf historischen Erfolg rechnen, die sich auf bestimmte objektive, vom Willen einzelner Individuen unabhängige Faktoren des sozialen Lebens stützen und die also in diesem Sinne historisch notwendig sind. Freilich existiert in manchen jüdischen sozialistischen Kreisen — insbesondere innerhalb der „Golus-Richtung" — eine, wenn nicht gerade fatalistische, so doch gewissermaßen eine „mathematische" Vorstellung von der Bedeutung des Historischnotwendigen im sozialen Leben. So verlangt man zum Beispiel vom sozialistischen Territorialismus den unwiderlegbaren Nachweis dessen, daß das jüdische Leben sich objektiv und unvermeidlich in der Richtung der territorialen Lösung der Judenfrage bewegt. Ist aber eine derartige Forderung berechtigt? Kann ein solcher Nachweis für das soziale Geschehen und Werden überhaupt geliefert werden? Wenn die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, von der historischen Notwendigkeit des Sozialismus sprechen, betonen sie dabei stets, daß sie dieselbe im Sinne der Alternative auffassen: Sozialismus oder soziale Degeneration. „Der Sozialismus muß verwirklicht werden", schreibt Engels im „Anti-Dühring", „sonst wird die moderne Gesellschaft zu Grunde gehen müssen". Besonders klar ist derselbe Gedanke bei Karl Kautsky ausgedrückt. Er sagt: „Die Notwendigkeit des Sozialismus kann nur im Sinne der einzigen Möglichkeit einer weiteren Entwicklung aufgefaßt werden*". Keineswegs also im Sinne der unvermeidlichen „eisernen" Notwendigkeit der astronomischen und mechanisch-physischen Gesetze, noch der organisch-biologischen Gesetzmäßigkeiten. Und wie führen die Sozialisten den Beweis der historischen Notwendigkeit ihres Ideals? „Marx zeigte, daß in der kapitalistischen Gesellschaft das Proletariat den Sozialismus wollen muß als einzige Möglichkeit, sich vom Joche zu befreien, und daß es sein Ziel erreichen kann, weil die Konzentration des Kapitals die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ermöglicht**." Also nicht die objektive Notwendigkeit, sondern die subjektive Notwendigkeit in Verbindung mit der objektiven Möglichkeit macht die sozialen Ideale zu historisch notwendigen. Sind diese beiden Momente in bezug auf irgend ein von einer sozialen Gruppe angestrebtes Ideal nachgewiesen, so ist die auf seine Erreichung gerichtete Bewegung als historisch berechtigt, als historische Notwendigkeit zu erachten. Wenn das für die sozialen Klassenbewegungen zutrifft, so muß dasselbe in noch viel größerem Maße in bezug auf die nationalen Bewegungen überhaupt und die territoriale Lösung der Judenfrage insbesondere behauptet und festgehalten werden. Bei der Prognose über den Ausgang eines bestimmten sozialen KlassenkonfliktesTcönnen wir uns stets auf eine gewisse konkret-positive Entwicklungskette stützen. So bei der Prognose der historischen Notwendigkeit des Sozialismus auf die Konzentrationstendenzen der kapitalistischen Entwicklung und auf die positive Rolle des Proletariats im Entwicklungsprozeß der Produktivkräfte. Ganz anders bei den Konflikten und Problemen nationalen Charakters, wie z. B. die Judenfrage, deren Wesen gerade darin besteht, daß der objektive Prozeß der sozialen Kräfte- * „Allerhand Revolutionäres" in der „Neuen Zeit", J. XXII, B. 1, p. 656. ** Otto Bauer, „Marxismus und Ethik" in der „Neuen Zeit", J. XXIV, B. 2, p. 496. 9 121