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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 120

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 120 (sequence 136)
Language
German
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blieb aber noch Handwerksgesell ... Da es ihm möglich war, die proletarische Revolution nur von ihrer negativen Seite kennen zu lernen, so war er gezwungen, ihre positive Seite aus seinem eigenen Kopfe zu erfinden*." Auch der gesamte jüdische Sozialismus hat zum Bedauern seinen Sitz mehr im Kopfe und Herzen des jüdischen Arbeiters als in seinen sozial-ökonomischen Positionen. Die materiellen und kulturellen Bedürfnisse des jüdischen Proletariats stehen in schroffem Widerspruch mit der äußerst begrenzten Möglichkeit ihrer Befriedigung, mit dem engen Rahmen, welchen die ungesunde sozial-ökonomische Basis seinem Emanzipationskampfe steckt. Und das Bedenklichste ist, daß die zunehmende Industrialisierung derjenigen Länder, wo die Juden en masse leben, nicht imstande ist, diese Sachlage wesentlich abzuändern. Die jüdischen Arbeiter sind hauptsächlich in denjenigen Arbeitszweigen beschäftigt, wo die individuellen Eigenschaften des Arbeiters vor allem in Betracht kommen und wo sie deshalb der Konkurrenz von Seiten der sich intensiv proletarisierenden nichtjüdischen Bauernmassen standhalten können**. Gerade aber in der modernen Industrie, wo die Maschine vorherrscht und den Ton angibt, treten die individuellen Eigenschaften des Arbeiters in den Hintergrund. So bemerken wir auch tagein tagaus, daß, sobald man in irgend einem Arbeitszweige von der manuellen Produktion zur maschinellen übergeht, die jüdischen Arbeiter in der Regel durch nichtjüdische ersetzt werden. In letzter Zeit hat die Ersetzung von jüdischen Arbeitern durch nichtjüdische sogar in jüdischen Fabriken den Charakter einer erschreckenden Massenerscheinung angenommen. Es ist die gefährlichste Form des Antisemitismus — der innerlich-zersetzende jüdische sozialökonomische Antisemitismus ... So wird auch von allen unbefangenen jüdischen Ökonomisten die traurige Tatsache konstatiert, daß „der industrielle Aufschwung von einem Zufluß der nichtjüdischen Bevölkerung zur industriellen Tätigkeit * Fr. Mehring, „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie" (russische Ausgabe), I, p. III—115. ** Vgl. B. Bruzkus, „Der professionelle Bestand der jüdischen Bevölkerung- Rußlands". Petersburg (russisch) 1908, p. 47^50. 120 begleitet wird, während er auf den professionellen Bestand der jüdischen Bevölkerung keinen Einfluß ausübt*". Die Industrialisierung der Länder, wo die Juden gegenwärtig wohnen, ist also nicht imstande, die genannten Anomalien des jüdischen Daseins endgültig zu beseitigen. Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir hier im einzelnen alle dauernd und zeitlich wirkenden Ursachen dieser Erscheinung betrachten. Die allgemeine historisch bedingte sozial-ökonomische Rückständigkeit der Juden, der Antisemitismus in allen seinen mannigfaltigen Äußerungen, der Chauvinismus der nichtjüdischen Bourgeoisie, die Assimilationsbestrebungen der jüdischen Großindustriellen — diese und eine Reihe anderer Faktoren innerhalb und außerhalb des jüdischen Lebens verursachen die Isoliertheit der breiten jüdischen Volksmassen mit allen ihren traurigen Folgen. Ihren letzten Grund haben die meisten dieser Faktoren, wie gesagt, in der Hauptanomalität des nationalen Daseins der Juden — in der Abezw. Exterritorialität der jüdischen Nation. VIII. Die geschilderten Konflikte und negativen Momente in den Existenz- und Entwickiungsbedingungen des größten Teiles der jüdischen Nation sowie das Bewußtsein, daß dieselben in den Lebensverhältnissen der Diaspora selbst begründet sind, verdichtete die uralte, traditionelle, mystisch-religiöse Sehnsucht nach Erlösung aus dem Golus zu einer modernen demokratischnationalen Volksbewegung großen Stils, die die verschiedensten sozialen Schichten des jüdischen Volkes umfaßte und im Zionismus-Territorialismus ihren organisatorischen gesellschaftlich-politischen Ausdruck fand. Auch das jüdische Proletariat, die unterdrückteste Klasse der unterdrücktesten Nation, nimmt an dieser nationalen Emanzipationsbewegung einen sehr regen Anteil. Es hatte daher in seine sozialistische Weltauffassung solche Elemente und Probleme des sozialen Schaffens aufzunehmen, die für das Proletariat anderer Nationen nicht * Ibidem, p. 59.

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