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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 119

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 119 (sequence 135)
Language
German
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IRI
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Arbeiterpartei" (S. S.) zu. Es ist das historische Verdienst derselben, zuerst die Judenfrage auf die einzige richtige Basis der sozial-Ökonomischen Prozesse und Vorgänge im jüdischen Leben gestellt zu haben. Die Judenfrage sei ihrem inneren Wesen und ihren Triebfedern nach weder ein rein-kulturelles noch ein ausschließlich politisches Problem, sondern vor allem und vorwiegend ein Problem der anomalen sozial-ökonomischen Entwicklung der jüdischen Nation als Gesamtkollektiv, des gehemmten Wuchses ihrer Produktivkräfte. Die jahrhundertelange Exterritorialität der jüdischen Nation und die dadurch bewirkten Anomalien und Eigenartigkeiten ihrer bisherigen historischen Evolution — bilden den Schlüssel für die Erklärung der Sonderstellung der Juden auf allen Gebieten des Kulturlebens. Was insbesondere die jüdischen Arbeitermassen betrifft, so haben wir bereits eingangs auf die äußerst ungünstigen Bedingungen ihrer Entstehung und ihrer Entwicklung hingewiesen. — Die ersteren äußern sich vor allem darin, daß das jüdische Kleinbürgertum, aus dessen Reihen die jüdische Arbeiterklasse sich ja ausschließlich rekrutiert, sich vor das akuteste Problem der sogenannten „Nichtproletarisierung" gestellt sieht. Zwei intensiv wirkende Kräfte treiben die unteren Schichten der jüdischen Bourgeoisie — und zwar in viel stärkerem Maße und Tempo, als bei den anderen Nationen — in die Reinen des Proletariats: die allgemeine Wirkung der kapitalistischen Entwicklung einerseits und die immer intensivere und erfolgreichere Konkurrenz der entsprechenden Schichten der umgebenden nichtjüdischen Bevölkerung anderseits. An sich läge in dieser Erscheinung nichts Bedrohendes. Aber das nach allen Richtungen hin äußerst beschränkte Anwendungsgebiet der jüdischen Arbeitskraft gestattet nur einem verhältnismäßig sehr geringen Teil des entwurzelten jüdischen Bürgertums in die Reihen des Proletariats überzugehen. Es ist nämlich einer der zahlreichen inneren Widersprüche des jüdischen Lebens, der sich in einer Reihe sozial-negativer Erscheinungen manifestiert, wie der ungeheure Wuchs des Pauperismus, die erschreckende Zunahme des boden- und wurzellosen „Luftmenschentums", sowie die wachsende Auswanderung aus den bisherigen jüdischen Wohnsitzen. Inwiefern aber der Proletarisierungsprozeß der jüdischen Massen doch vor sich geht, vollzieht er sich vorwiegend in seiner sozial-rückständigeren Gestalt — nämlich in der Form der Hausindustrie. „Der Übergang des Handwerks zu den höheren Formen des industriellen Kapitalismus geschieht nämlich in zweifacher Weise*. Der eine Weg führt das Handwerk mit dem technischen Fortschritte und der wachsenden Produktivität der Arbeit zur Fabriksindustrie. Das ist der gesunde Entwicklungsgang, der ein technisch und sozial festgefügtes industrielles Proletariat erzeugt. Für seinen organisierten Kampf und seine schöpferische soziale Tätigkeit ist ein weites Feld geöffnet. Mit ihm als mit einer bedeutenden politischen Kraft haben die Machthaber der Staaten ernst zu rechnen. Der zweite Weg führt zur Hausindustrie, die zwar finanziell, nicht aber technisch und sozial-progressiv als modern kapitalistische Produktionsform erscheint. Dieser Weg ist in der Regel der einzige, der denjenigen Schichten der Handwerkerklasse offen steht, die in den Endstufen des Produktionsprozesses, wie die Produktion von Konsumtionsgütern, beschäftigt sind. Gerade unter diese Kategorie fällt bekanntlich der überwiegende Teil des jüdischen Handwerks. Inwiefern es also dem jüdischen Kleinbürger sogar gelingt, sich den Anforderungen des modernen Kapitalismus anzupassen, geschieht dies, wie gesagt, fast ausschließlich in der Form der Hausindustrie — welcher Übergang unter das doppelte Joch des unmittelbaren Arbeitgebers und des mittelbaren kapitalistischen Unternehmers kaum als Besserung und Hebung der sozial-ökonomischen Lage des jüdischen Handwerks angesehen werden kann. Der ungenügenden Proletarisierung des jüdischen Kleinbürgertums entspricht also die unzureichende Industrialisierung des jüdischen Proletariats, die auch als das Problem seiner „Nichtindustrialisierung" bezeichnet wird. So gilt für den überwiegend großen Teil des jüdischen Proletariats das, was Mehring in Bezug auf Weitling gesagt hat: „Er war Proletarier, * Siehe „Jüdische Zeitung", Wien, 1909, Nr. 40. 119

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