Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 134)
- Language
- German
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dem Golus errichten — stets in der Arrieregarde des Lebens geschleppt zu werden. Und doch — sollte das jüdische Proletariat, die Klasse der historischen Zukunft, nicht in der Avantgarde des jüdischen Volkes schreiten? Der Bund war nie imstande, die Judenfrage in ihrem gesamten Umfange zu erfassen. Anfangs war er „jüdisch" nur auf dem Organisationsgebiete, später wurde er es durch die politische Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden und schließlich — auf dem nationalkulturellen Gebiete. Alle anomalen Erscheinungen im jüdisch-proletarischen Leben — in sozialökonomischer und politischer Beziehung wurden ohneweiters auf das Konto der autokratischen Regierungsform Rußlands geschrieben, als lägen die Verhältnisse der jüdischen Arbeitermassen in Galizien, wo keine Autokratie die Juden unterdrückt, bedeutend besser. In letzter Zeit erst beginnt der Bund — unter dem Einfluß des sozialistischen Territorialismus* — allmählich auch in den Fragen der sozial-ökonomischen Grundlagen des jüdischen Daseins sowie der national-politischen Aufgaben des jüdischen Proletariats etwas „jüdischer" zu werden. Der Bund hatte schon so oft die Gelegenheit sich zu überzeugen, daß „wenn man die Natur durch die Türe jagt, sie durch das Fenster wiederkehrt" . . . VI. Weder der Bund mit seiner inhaltsleeren nationalen Phraseologie noch der Zionismus mit seinem bürgerlich-„klassenlosen" Nationalismus und seiner utopisch-angehauchten Romantik vermochten für die Dauer den forschenden Geist der jüdisch-proletarischen Intelligenz zu befriedigen. Zwei Einzelströme waren es, die den sogenannten „sozialistischen Zionismus" oder richtiger sozialistischen Territorialismus schufen. Den einen bildeten die zur national-jüdischen Gesinnung zurückgekehrten Elemente des jüdischen sozialistischen Assimilantentums. Den anderen — die sozialistisch gesonnenen Elemente des Zionismus. * Wir gebrauchen das Wort „Territorialismus" hier, wie auch überall unten — im weitesten Sinne — der prinzipiellen territorial-autonomen Lösung der Judenfrage. 118 Wir wollen natürlich hier nicht die an Peripetien so reiche Geschichte der territorialistischen Strömung im jüdischen Sozialismus verfolgen, die ihrerseits sich aus mehreren Unterströmungen zusammensetzt. Wir wollen nur die wichtigsten dieser Unterströmungen kurz skizzieren. Die älteste dieser Strömungen organisierte sich zu Beginn des Jahres 1905 in der sogenannten „Zionistisch-SozialistischenArbeiterpartei" (S.S.)*. Ein Jahr später entstand die „Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei" („Serp", auch „Seimisten" genannt) und bald darauf — die „Jüdische Sozialdemokratische Arbeiterpartei ,Poalei-Zion'". — Das allen diesen Parteien Gemeinsame besteht hauptsächlich in der prinzipiellen Anerkennung der territorialen Lösung der.Judenfrage, von den Interessen der jüdischen Arbeitermassen ausgehend. Was sie voneinander trennt, ist die verschiedene theoretische Begründung des Territorialismus und insbesondere die Vorstellung von den Wegen und Mitteln der Realisierung desselben. Bevor ich nun zur Charakteristik der drei genannten Unterströmungen des sozialistischen Territorialismus schreite, möchte ich jedoch bemerken, daß man von ihnen als von drei streng voneinander getrennten Richtungen mit scharf individualisiertem Programm heute nur noch cum grano salis sprechen kann. Seitdem nämlich die genannten Parteien ihre Standpunkte in der Literatur fixiert haben, sind in der gesellschaftlichen und politischen Gedankenwelt des russischen Judentums bedeutende und tiefgehende Veränderungen vor sich gegangen. Die letzten Krisenjahre haben die meisten jüdisch-proletarischen Parteien vor die Notwendigkeit der Revision ihrer Parteiprogramme gestellt, und — was von besonders großer Bedeutung ist — sie auch in mancher Beziehung einander näher gebracht. VII. Wir wenden uns zunächst der ältesten und weitaus einflußreichsten Richtung des sozialistischen Territorialismus, der — „Zionistisch-Sozialistischen * Diese Partei löste in sich im Jahre 1906 die „ Jüdisch-territorialistisclie Arbeiterpartei" (auch „Minsker Poalei-Zion" genannt) auf.