Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 133)
- Language
- German
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verworfen*. Der IV. Parteitag (1901) beginnt über die „nationale Autonomie" im allgemeinen zu sprechen, anerkennt zwar gnädigst, daß „der Begriff »Nationalität* auch auf das jüdische Volk anwendbar sei"; da aber „die Forderung der nationalen Autonomie für die Juden unter den gegenwärtigen Verhältnissen verfrüht (!!) sei, erachtet der Parteitag für genügend jetzt für die Abschaffung der Ausnahmegesetze für die Juden zu kämpfen und gegen die Unterdrückung der jüdischen Nationalität zu protestieren, ohne jedoch das nationale Gefühl zu entzünden, das nur zur Verdunkelung des proletarischen Klassenbewußtseins und zum Chauvinismus führen kann**." Bei diesem Gerede konnte man selbstredend nicht stehen bleiben. Es sollte nur die zaghaften Gemüter zu einem weiteren Schritte auf dem „sündhaften" Weg zum „Nationalismus" vorbereiten. Denn wollte man in der Atmosphäre des allgemeinen nationalen Aufschwunges irgend welchen Einfluß auf die breiteren Volkskreise behalten, so mußte man ihren nationalen Anforderungen auf irgend einer Weise — sei es auch nur phraseologisch — entgegenkommen. Und erst das Jahr 1905, die Zeit der höchsten Entfaltung der revolutionären Aktivität sämtlicher Nationen und Klassen der Bevölkerung Rußlands, vermochte dem Bund endlich doch den Mut einzuflößen — die Forderung der „national- * Ibidem. ** L. c. p. 119—120. Auf demselben IV. Parteitage änderte der Bund seine Benennung, die nunmehr lautet: „Der allgemeine jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Rußland." Es ist für den Bund äußerst charakteristisch, daß die vorgeschlagene Benennung: „Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund" schlechthin verworfen wurde mit 'der klassischen Motivierung, diese Benennung könne —- horribile dictu! — den Gedanken erwecken, „der Bund trage einen allweltlichjüdischen Charakter" ... Es äußert sich hier der hohle Phrasennationalismus des Bundes, hinter welchem man stets den assimilatorischen „Majufis"-Juden erblicken kann. Diese „Dreistheit des Wortes und Feigheit des Gedankens und der Tat" erklären uns auch, wie es der Bund — trotz der „formalen" Anerkennung der Juden als Nationalität — über sich bringen kann, die dem jüdischen Proletariat von allen anderen jüdischen sozialistischen Parteien geforderte Gewährung einer selbständigen nationalen Sektion in der Internationale mit allen Mitteln der Hintertreppenpolitik zu bekämpfen. kulturellen Autonomie" für die Juden aufzustellen. Auf dem VI. Parteitage des Bundes (1905) wurde folgendes nationale Programm angenommen: „1. Vollständige bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden. 2. Eine durch das Gesetz gesicherte Möglichkeit der Anwendung der jüdischen Sprache vor Gericht, den Behörden und den Organen der Kreis- und Ortsverwaltung. 3. National-kulturelle Autonomie: Ausschaltung derjenigen Funktionen aus der Leitung des Staates und der Organe der Kreis- und Lokalbehörden, die mit Kulturfragen verbunden sind (Volksbildung etc.) und deren Übertragung an die Nation in der Verson von besonderen Zentral-und Lokalorganisationen, die von sämtlichen Mitgliedern auf Grund allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrechts gewählt werden." Dieses nationale Programm (Punkt 3) trägt unverkennbar den Charakter einer dem Sinne nach genauen Kopie des von der Exekutive der südslavischen sozialdemokratischen Partei Österreichs dem Brünner Gesamtparteitage (1899) vorgelegten — und, nebenbei bemerkt, abgelehnten — Nationalitätenprogramms. Galt es doch dem Bund in erster Linie den „Erfolg" quand meme zu bewahren und der Organisation den ihr zu entgehen drohenden Einfluß zu sichern. So geschah es, daß der Bund aus den mannigfaltigen und äußerst komplizierten Problemen des jüdischen Lebens gerade das verhältnismäßig unbedeutendste und dem nationalen Drucke am wenigsten — fast gar nicht — ausgesetzte kulturelle Gebiet im Zentrum seines nationalen Programms setzte*. Es zeigt sich hier das traurige Schicksal jener historisch-konservativen Elemente des Judentums, die ihr Gebäude auf dem morschen Fundamente der Vergangenheit — auf * Wir wollen hier in eine Kritik der bundistischen national-kulturellen Autonomie nicht eingehen. Wir haben es Öfters an anderen Orten getan. Vgl. „Unser Weg". Wüna 1907, Nr. 8—9. „Die nationale Frage oder nationale Fragen?" „Freiheit", Lemberg 1908, N. N.2—5. „Ist die nationale Autonomie der Juden möglich?" Sowie Sozialistische Monatshefte 1909, Nr. 4. „Probleme des jüdischen Arbeiterlebens". Endlich „Jüdisches Freiland", Wien, 1910. Nr. 3. „Zur Frage über unsere nationalen Forderungen". 117