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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 116

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 116 (sequence 132)
Language
German
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Vergangenheit und Gegenwart sowie an die spezifisch-jüdischen Entwicklungsziele der Zukunft. Und wie überall, vollzieht sich diese Evolution auch hier vom Einfacheren, Naheliegenden zum Komplizierteren, Fernen. Das äußere .organisationstechnische Moment war das erste Gebiet, auf dem das Nationale zum Vorschein kommen mußte. Das Leben mit seinen unbeugsamen Fakten führte bald die jüdischen Sozialisten zum Bewußtsein der Notwendigkeit nationaler Mittel der Propaganda und Agitation, um eine Massenbewegung im jüdischen Proletariat hervorzurufen. Seit dem Jahre 1895 wird die Forderung der nationalen Organisation des jüdischen Proletariats immer lauter und im Jahre 1897 wird auch der „Allgemeine jüdische Arbeiterbund in Rußland und Polen" (Bund) gegründet. Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir hier ausführlich die Evolution des Bundes in der Richtung seiner immer intensiveren Nationalisierung verfolgen. Das Wichtigste nur sei hier in allgemeinen Zügen hervorgehoben. Um den gesamten Entwicklungsgang des Bundes richtig zu verstehen, muß man stets eine seiner charakteristischesten Grundzüge vor Augen haben: der Bund sah vor sich im jüdischen Leben stets nur das Momentane, das praktisch Handgreifliche, das völlig Gereifte und hatte nie Verständnis für das Zukünftige, Großzügige, erst im Entstehen Begriffene. Denn — „Erfolg! Erfolg um jeden Preis!" war stets die Losung des Bundes. V. Und der Bund hatte Erfolg, der mehr oder weniger verdient war. Bei der Intelligenz — denn der Bund baute ja seine Karriere in erster Linie auf der Forderung der für die Intelligenz so wichtigen bürgerlichen Gleichberechtigung. Bei den Arbeitermassen — denn der Bund war es, der zuerst die sozialistische Gedankenwelt den jüdischen Arbeitermassen zugänglich machte, der ihre revolutionäre Aktivität weckte und — wenn auch nur auf halbem Wege und mit halben Mitteln und deshalb eben mit äußerst geringem Erfolg — das „Nationale" mit dem „Sozialen" 116 in Einklang zu bringen suchte. Auch hier freilich nur zögernd und schwankend, im schuldhaften Bewußtsein eines wankelmütigen Häretikers, der etwas Unerlaubtes vornimmt. Denn die ganze Evolution des Bundes auf dem Gebiete der Nationalitätenfrage überhaupt und der Judenfrage insbesondere steht in schroffem Widerspruch zu den vom Bunde selbst vertretenen Dogmen. Ich sage „Dogmen" — denn der Bund wie die Sozialdemokratie Rußlands überhaupt, operierte mit dem Marxismus auf dem Gebiete der Nationalitätenfrage stets als mit einem Dogma, und nicht einer Methode, die eine organische Anpassung an die Eigenartigkeiten der verschiedenen nationalen Milieu's nicht nur gestattet, sondern direkt erheischt. Aus einer allgemeinen algebraischen Formel, die erst durch das Individuell-nationale ihren konkreten Inhalt erhält, wurde der Marxismus zu einem schablonenhaften Einmaleins degradiert. Die „Jeschiwo-Bocherim" von Gestern brachten mit sich in den Sozialismus den alles tötenden Geist des versteinerten Schulchan-Aruch-Menschen. Nur die harten Lehren der Realität sowie der mächtige Aufschwung der nationalen Bewegung im Judentum vermochten dem Bund allmählich ein etwas größeres Maß von Verständnis für das Spezifisch-Jüdische beizubringen. Als spezifische Aufgaben, welche die Existenz einer selbständigen jüdischen Arbeiterorganisation rechtfertigen, wurden bei der Gründung des Bundes (1897) folgende zwei Momente hervorgehoben: erstens, die Notwendigkeit der Bekämpfung der bürgerlichen Rechtlosigkeit der Juden in Rußland und zweitens das Bedürfnis einer jüdisch geschriebenen Agitationsliteratur*. Vom „Organisationsprinzip" ausgehend, sah sich der Bund bald genötigt, auch rein positive nationale Forderungen in sein Programm aufzunehmen. Seit 1898 beginnt man im Bund von der Forderung „nationaler Gleichberechtigung" für die Juden zu sprechen. Man spricht zwar darüber, man kann sich aber dafür lange nicht entschließen. Noch auf dem III. Parteitage (1900) „fand der Punkt der nationalen Gleichberechtigung wenig Anklang" und würde * Vgl. „Materialien zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung". St. Petersburg (russisch). B. I, p. 65 ff.

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