Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 131)
- Language
- German
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standen werden, wenn man sich die zwei allgemeinen Gesichtspunkte vor Augen hält, von denen aus das gesamte jüdische Leben betrachtet werden kann. Man kann nämlich die anomalen Existenzbedingungen der jüdischen Nation schlechthin negieren oder sie als fait accompli betrachten, mit dem man einfach rechnen muß und über das man nun einmal nicht hinweg kann. Es ist dies gewissermaßen eine „statische" Behandlung der Judenfrage, die da sagt: „Wir müssen und wollen hier, in den Ländern der Diaspora bleiben. Wir ziehen das leicht erreichbare, arithmetisch sichere Minimum dem nur schwer zu erreichenden, nicht absolut sicheren Maximum vor." Und sie bekämpft die Not der Gegenwart mit den winzigen Palliativen der Gegenwart . . . Die andere Auffassung, die sich von dgr Statik deji heutigen Tages^zur Dy^anwl^d&sjbistorischen Morgens zu erheben sucnt, lautet: „Wir wollen eher das mögliche Große, als das sichere Winzige- Wir hassen es, dieses Winzige, dieses historische Hinsiechen, dieses Mittelding zwischen Leben und Tod. Wir hassen den Golus mit seinen endlosen Leiden, seiner Kleinlichkeit und Ohnmacht. Wir wollen ihn zerstören und an seine Stelle ein neues freies Leben auf freiem Boden errichten." Und sie bekämpft die Not der Gegenwart mit dem schöpferischen Ideale der Zukunft... Golus und Freiland, das sind die zwei Pole im jüdischen Leben, die sich seit jeher feindlich gegenüberstehen und die große Scheidelinie bilden, welche die Evolution des jüdischen gesellschaftlichen und politischen Gedankens — den jüdischen Sozialismus nicht ausgenommen — seit jeher in zwei Hauptströme bettete: die offene oder verschleierte Assimilation und das moderne Nationaljudentum. Seinen ersten organisierten Ausdruck fand dieser Gegensatz von Golus und Freiland in zwei gesellschaftlichen Gebilden, die fast gleichzeitig auf die Arena des jüdischen Lebens traten — im sozialdemokratischen jüdischen Arbeiterbund (Bund) und im politischen Zionismus. IV. Sozialismus oder Zionismus? Klasse oder Nation? Gegenwart—Golus oder Zukunft—Freiland? So wurde anfangs das Gesamtproblem des jüdischen Daseins innerhalb des jüdischen Sozialismus gestellt. Bei dieser alternativen, sich einander ausschließenden Problemstellung war es nur natürlich, daß die Pioniere des Sozialismus im Judentume den ersten dieser Wege wählten. Denn wie überall, mußte auch bei uns Juden der naive, abstrakte, lebens- und inhaltsleere Kosmopolitismus den Ausgangspunkt der sozialistischen Bewegung bilden — eine Erbschaft des seichten Liberalismus. Es gebe keine spezifische Judenfrage überhaupt und für den jüdischen Proletarier insbesondere. Man müsse den jüdischen Arbeiter einfach „entwickeln", um ihn in den Kulturkreis der Umgebung hineinzuziehen. Daher war die erste Aufgabe der jüdischen Agitatoren, dem jüdischen Arbeiter eine „Kultursprache", wie die russische, polnische etc., beizubringen. Daran schloß sich an ein Kursus über die Naturwissenschaften, politische Ökonomie und dergleichen mehr. Das alles galt dann als Vorstufe — zur richtigen Auffassung und Verständnis der sozialistischen Doktrin. Kurz, es war keine „Bewegung", sondern eine abstrakt-theoretische Erziehung jüdischer Arbeitergruppen zu „Kulturträgern", zü sozialistischen Propagandisten und Agitatoren. Da entstand gegen Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts der politische Zionismus, ein kraftvoller Ausdruck des Jahrtausende langen Ringens und Sehnens des Wandervolkes nach Ruhe und Freiheit, des Strebens zur dampfenden Scholle, zur schaffenden Arbeit. Und diese mit der urwüchsigen Kraft einer elementaren Gewalt emporgewachsene nationale Massenbewegung oder vielmehr dieser gewaltige Volkstraum konnte selbstredend auch auf den Charakter der sozialistischen Bewegung im Judentume nicht ohne Einfluß bleiben. Mit diesem Zeitpunkt beginnt der noch bis heute nicht vollendete Prozeß der Durchdringung des jüdischen Sozialismus mit dem Geiste der national-jüdischen Renaissance, der harmonischen Synthetisierung der nationalen mit der Klassenbewegung, der Akkommodation der bisher abstrakt kosmopolitischen sozialistischen Doktrin an die konkreten nationalen Besonderheiten der jüdischen 115