Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 130)
- Language
- German
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Um überhaupt als Nation leben zu können, mußten die Juden auf ein eigenes autonomes nationales Leben verzichten. Sie wurden so schließlich — denn sie mußten es werden — zu einem Vermittlervolke in allen Sphären der materiellen und geistigen Kultur. Als soziales Ferment, verhalfen sie den Völkern Europas zu immer höheren Formen der wirtschaftlichen Betätigung zu schreiten*. Sie trieben die Völker vorwärts — immer weiter zu den höchsten Stufen der sozialen Entwicklung; und die Völker jagten sie zurück — immer tiefer in die drückenden Mauern der sozialen Ohnmacht, immer weiter nach dem Osten, wo in einer Kulturhülle Überreste einer rohen Unkultur hausten. Das Zarenreich mußte der Endpunkt dieser vermittlerischen Periode der rastlosen jüdischen Wanderungen sein. Hier mußte eine Wendung in der jüdischen Geschichte eintreten. Der Kapitalismus, dessen Fahnenträger die Juden bisher waren, drang endlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts in das jüdische Leben selbst ein und , zerspaltete die bisher in sozial-ökonomischer Beziehung fast gänzlich amorphe Masse des östlichen Judentums mit seiner sozial-differenzierenden Schneide in die zwei antagonistischen Hauptgruppen der modernen Gesellschaft: Bourgeoisie und Proletariat. Und als hätten die Juden alle positiven großzügigen und schöpferischen Elemente der kapitalistischen Entwicklung während ihrer historischen Wanderungen unter den Völkern Europas zerstreut und verloren, offenbarte sich der Kapitalismus bei ihnen selbst in seinen vorwiegend negativen, kleinlichen und zerstörenden Erscheinungsformen. III. Zwischen dem mächtigen Hammer der kapitalistischen Entwicklung und dem schwankenden Ambos der anomalen Existenzbedingungen einer exterritorialen Nation ist das jüdische Proletariat entstanden. Und wie die historische Laufbahn seiner * Vgl. Sombart in der „Neuen Rundschau". 1910. Februar- und Maiheft. 114 Nation, ist auch sein eigenes Dasein voll innerer Widersprüche und tragischer Konflikte. Aus den Anomalien seines Werdens sind für das jüdische Proletariat die kompliziertesten Probleme seines Seins entstanden. Es ist in einer Zeit und in einem Milieu zur Welt gekommen, wo die höheren Positionen des sozialen Lebens bereits okkupiert waren. Und ihm, dem jüdischen Proletarier, hat die Geschichte einen in sozialökonomischer Hinsicht quantitativ und qualitativ äußerst bescheidenen Ort innerhalb der allweltlichen Arbeiterarmee angewiesen. Trotz seiner großen Kampfesenergie mußte er sich mit den untersten technisch und sozial rückständigen Endstufen der Produktionsleiter begnügen. Bei diesen äußerst ungünstigen Kampfesbedingungen mußten bei der jüdischen Arbeiterklasse die ideologischen Momente den materiell-ökonomischen stets voraneilen. Das Resultat ist die fortwährend wachsende Verschärfung des Konfliktes zwischen dem mächtigen „Wollen" des jüdischen Proletariers und seinem äußerst begrenzten „Können". Dieser kardinale Zwiespalt seines Lebens mußte den jüdischen Proletarier früher oder später vor das allgemeine große Problem des jüdischen nationalen Daseins stellen, das für ihn lautet: auf welcher Grundlage muß das gesamte jüdische Leben — seinen inneren objektiven Entwicklungstendenzen entsprechend — umgestaltet werden, damit der jüdischen Arbeiterklasse ein freier Weg zur sozialen Emanzipation, zum Sozialismus geebnet sein soll? Dieses große Problem, das in dieser Schärfe vor keinem anderen Teile des internationalen Proletariats steht, mußte selbstredend ihren unverkennbaren Stempel auf die gesamte jüdische Arbeiterbewegung aufdrücken. Und in der Tat bildet auch dieses Problem den Hauptnerv, um den sich die verschiedenen Richtungen und Nuancen des jüdischen Sozialismus gruppieren. Will man daher die gesamte jüdische sozialistische Bewegung richtig erfassen, muß man sich grundsätzlich vom Maßstabe des normalen proletarischen Klassenkampfes — wie er sich etwa in Deutschland, Frankreich oder England abspielt — für das jüdische Leben lossagen. Die zahlreichen eigenartigen Unterströmungen und Nuancen des jüdischen Sozialismus können nur dann richtig ver-