Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 129)
- Language
- German
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Der jüdische Sozialismus und seine Strömungen. Von MAXIM ANIN. 1. jfl S| \&&A i\ pii tWu j]Iüte und Verfall — ein ehernes Gesetz — beherrscht das Leben der Völker. Die an der Wiege der Zivilisation gestanden, sind längst von der Bildfläche der Geschichte weggeschwemmt. Nur ein Volk spricht Hohn der alles verheerenden Klio. „Ein Volk vergeht, ein anderes entsteht, Israel aber bleibt ewig". Nur ihm ist es von allen Völkern des tiefen Altertums gegönnt, die Morgenröte eines neuen gewaltigen Aufschwunges der menschlichen Kulturmacht, einer ungeahnt neuen Aera in der Entfaltung des menschlichen Genies zu erleben. Vom Sklavenlos im Lande der Pharaonen bis zu den Perspektiven der höchsten Kräfteentfaltung im Reiche der sozialen Freiheit! Als Schöpfer neuer Kulturwerte und als Vermittler überlieferter Kulturtraditionen, als Prophet herannahender Umwälzungen und als Ferment im Gärungsprozeß der Weltgeschichte — in allen Formen äußerte sich die unerschöpfliche Aktivität dieses ewigen Volkes. Besonders empfänglich waren die Juden als Nation, die seit jeher unter den verschiedensten Formen des gesellschaftlichen Druckes zu leiden hatte, für die Ideale der sozialen Gerechtigkeit und Freiheit. Daher die bedeutende und einflußreiche Rolle, die die Juden in der allgemein sozialistischen Bewegung von ihren Anfängen an bis zum heutigen Tage in Theorie und Praxis stets gespielt haben. Marx und Lassalle eröffnen den siegreichen Vormarsch des internationalen Proletariats. Wohlgemerkt — es waren stets zahlreiche sozialistisch gestimmte und gesonnene Juden, aber es waren keine jüdischen Sozialisten. Denn inwiefern sie Sozialisten waren, standen sie abseits vom Judentum, ja sogar in schroffem Gegensatz zu ihm. Für Marx z. B. ist „der weltliche Grund des Judentums — das praktische Bedürfnis, der Eigennutz, ihr weltlicher Kultus — der Schacher, ihr weltlicher Gott — das Geld" . . . Und sie verließen alle die engen Ghetto's mit ihrem an sozialen Formen so bettelarmen Leben und gingen in die große Welt, wo im mächtigen Ringen und Widerstreit der sich frei entfaltenden sozialen Kräfte neue weite Horizonte und neue breite Wege des kulturellen Aufschwunges sich eröffneten. Der jüdische Sozialismus aber, der aus den Tiefen des jüdischen Lebens selbst emporsteigen, eng und organisch mit ihm verbunden sein mußte, er konnte erst mit der Entstehung des Proletariats im jüdischen Volke, dieses historisch berufenen Trägers des sozialistischen Ideals, geboren werden. II. Die Juden im Golus . . . Wie sonderbar und einzig in seiner Art ist dieses Schauspiel der jahrtausendelangen Existenz eines Volkes bei Abwesenheit der elementarsten Voraussetzungen einer gedeihlichen nationalen Entwicklung. Nicht an ein konstantes, metasoziales, physisch-geographisches Milieu, das allein eine freie Entfaltung der nationalen Produktivkräfte ermöglicht, sondern an ein selbst der fortwährenden Entwicklung und Transformation unterworfenes lebendes soziales Milieu mußten die Juden seit jeher ihre Lebensformen anpassen. Die äußere Welt, nicht die eigenen inneren Kräfte und Bedürfnisse bestimmen und lenken daher die Schicksale der jüdischen Nation. Hier ist eben die Quelle der zahllosen tragischen Kollisionen der jüdischen Geschichte zu suchen — Kollisionen, die mehr äußeren aufgezwungenen, als — wie es bei den normal lebenden Nationen der Fall ist — inneren organischen Charakters sind. 113