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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 109

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 109 (sequence 123)
Language
German
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IRI
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Mit Mühe hielten die Wächter barfuß mit flammroten indischen Federhüten die Laufbahn frei. Und über den Korso, wo einstens vor der Christenzeit die schönsten und edelsten Jünglinge Roms dem Ziel entgegenliefen, wo die herrlichsten Mädchen dem Sieger entgegenjauchzten, dort vor den Augen des Heiligen Vaters, der am Portal der Markuskirche thronte, keuchten heute acht eisgraue Juden, gehetzt von berittenen Stadtknechten, mit Ruten gepeitscht. Die Juden waren fast nackt, kaum mit Fetzen behangen, mit ausgerenkten Füßen und aufgedunsenen Leibern schleppten sie sich fort. Brüllendes Gelächter empfing sie. Vorwärts trieb sie die Peitsche. Sie rafften die Fetzen zusammen, schamhaft ihre Blöße zu decken, strauchelten mit unbeholfenen Bewegungen — ringsum wirbelten schallendes Gelächter und tolle Spässe durch die aufgeregte Menge. Die Leute rannten hinter ihnen her, scheuchten sie mit Papierfächern vorwärts, und die alten Juden, gehetzt von den galoppierenden Pferden, gestachelt von der wilderregten Menge, betört vom tosenden Lärme, jagten wie wahnsinnig. Sie liefen wie vor einem Brande, wußten nicht woher und wohin, sie liefen wie Besessene unter Gelächter und Peitschenknall, liefen, als wolltön sie sich selbst entfliehen, sie liefen wie im Traume, sahen nicht Weg noch Ziel, nur Teufel, Gespenster, Peitschenknall und Gelächter; — so erreichten sie San Marco . . . Noch brandete die fiebernde Menge, noch riefen sie ihnen mit Spottgelächter Worte nach, noch flatterten die Tücher von den Baikonen, aber plötzlich, jedes Haupt entblößt, alles wirft sich zu Boden, erschreckende Stille lastet auf den niedergebeugten Schultern, ruht über den Köpfen, die im Staube liegen. Da und dort klirrt ein Fenster zu, die Herren und Damen auf den Baikonen sinken ins Knie, beugen sich nieder, der ganze Korso ein Saum tiefgesenkter Köpfe, Schreck und Schweigen wuchtet darüber: ER, der Gottmensch, war unter den Laufenden. Er wandte sein bleiches Antlitz, mit dem Leilich Josefs von Arimathäa verhüllte er die nackten Füße, hoch hob er das Kreuz über die Liegenden und schritt mitten durch sie hindurch. IV. Der Letzte von den Fünfen pochte an's Fenster: „Leute, die Unseren liegen erschlagen mitten am Markt, ich bin verfolgt, verbergt mich . . .!" Des Bruders Herz war verschlossen wie das Tor. Es blitzte auf und eines Jünglings Blut wärmte den kalten Stahl. Die Sonne verkroch sich in dunkelblaues Gewölk, aber die Strahlen fluteten aus Wolkenrissen und streichelten Wasser, Feld, Haus und Baum mit Himmelslicht. Dann schloß sich der Wolkenriß und trüb wurde Wasser, Feld, Haus und Baum. Nacht war's am Trojanower Himmel, Nacht auf Trojanower Erde. 109

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