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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 108 (sequence 122)
Language
German
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IRI
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stand das Ölkrüglein und so harrte er auf das Geheiß des Herrn, den Weckruf der Freiheit zu blasen. Den Blick tief in den Boden gebohrt, hielt er die hohe, stolze, stählerne Stirn der endlos langen, grauenvollen Via Appia wie einen Schild entgegen. Der Gottmensch wandte sich an den Messias und sprach: „Messias, zu dir bin ich gekommen, vergib mir, was jene tun, in meinem Namen." Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Bin ich denn nicht euch erschienen, hab* ich denn nicht euch unter den Flügeln bergen wollen, wie eine Henne ihr Küchlein? Hab' ich denn nicht für euch mein Blut vergossen vor meiner Mutter Augen? Bin ich nicht zu unserem Tempel gewallt, habe ich nicht im Tempelhof geweilt und unter uns, für uns meine Worte ausgestreut? Nun aber sind Fremde gekommen. Das Bahrtuch haben sie von mir gerissen und Fahnen daraus geschnitten, die Fahnen haben sie in mein Blut getaucht; und so ziehen sie aus, Jammer und Verzweiflung meinen Brüdern zu bringen, mein Wort auf den Lippen. Mein Wort des Friedens haben sie in Kriegsgeschrei verwandelt. Ich sprach: , Vergebet!' und sie predigen Rache. Die Sohne meines Volkes haben sie ins Joch gespannt, meine Töchter haben sie schamrot gemacht/' Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Auf meinen Thron haben sie sich gesetzt und wollen die Welt regieren. Sie künden Worte in meinem Namen, die ich nie aussprach. O, Fremdlinge, wer gab euch das Recht, zu richten zwischen Brüdern? Mein Herzleid könnt ihr nicht fühlen, meinen Jammer nicht fassen." Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Hier bei dir will ich sitzen, meine Hände an die Mauer ketten wie deine, meinen Blick will ich niederschlagen wie du, und mit meinen Brüdern und Schwestern will ich Spott und Schande erdulden. Mit dir will ich harren, bis der Tag Gottes anbricht. Dann stoße in die Posaune, die Völker zu sammeln, auf deinem Berge und wie der treue Hirt die Herde im Mittagsbrande zum Quellwasser leitet, will ich meine Gemeinde hüten, ich will die Wunden lindern, die der Löwe schlug, und wärmen, was im Winter erstarrte, und heilen, was die Wölfe zerrissen. Dann will ich unter ihnen weilen und meine Worte sollen aufleben in ihrem Herzen." III* ... Es war die Zeit des Wettrennens. Der enge Korso mit seinen altehrwürdigen Palästen war überflutet von einer Woge persischer Hüte und türkischer Kappen. Die Balkone waren vom vornehmsten Publikum überfüllt, in tollen Masken und ausgelassenen Kostümen gafften sie auf das Schauspiel. Aus jedem Fenster, von jedem Balkone, den ganzen Korso entlang wehten breite bunte Fahnentücher, Girlanden und Blattgewinde hingen fast auf die dichtgedrängten Köpfe herab. * Diese Legende wurde auch von Israel Zangwill behandelt. Anmerkung* des Autors. 108

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