Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 124)
- Language
- German
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Die schwarze Hand raffte dunkle Schleier aus allen Erdenecken und wob sie ineinander und breitete sie über Trojanow. Schwarz und nächtlich ward es über Trojanow. Tiefdunkle Schatten lagen über den Hütten, die niederkauerten, Tür und Tor verriegelt vom Dämmer bis zum Morgengrauen, denn in ihnen hauste der Tod. Lebendiger Tod und totes Leben. Der Todesengel spannte den Mantel über sie und da standen die Häuser, als hätten sie ihr Sterbegebet gesprochen. Aus einem Winkel nur zog sich ein roter Streifen gen West über den Himmel wie der Saum eines rot flammenden Ufers an einem schwarzen Meere. Von einem Winkel der Nacht sprühten entfesselt feurige Strahlen und zerfetzten die tote Nacht über der Stadt. Von dort her, weit, weit klang das Quäken einer Ziehharmonika, aber die Feuermale an den Fenstern sind schrecklicher als die tote Nacht, die alles niederhält. Dem* schwarzen Himmel ins Antlitz reckt die Trojanower Erde vier blutige Leidben mitten am Markte und einer liegt erschlagen vor einem vergitterten Tor . . . Und siehe, wer ist sie, woher Jcam sie, da aus Nacht und Dunkel schreitend, im weißen Totengewande, mit ihrem Frauenhäubchen im sabbathlichen Schmuck? Sie ragt wie eine Königin und läuft wie eine verzweifelte Mutter; sie birgt irgend etwas in ihrer weiten Schürze und holt etwas aus ihrer weiten Schürze: Stücke zerrissener Thorarollen, Stücke zerfetzter Gebetmäntel, Stücke zerschlissener Altardecken und näht und näht daraus ein breites langes Laken und spricht lind lächelnd vor sich hin: „Meine Kinder haben sie getötet, ihre Leiber auf die Straße geworfen, wehe, die Vögel werden sie zerfleischen; nun mühe ich mich um sie, Bahrtücher nähen — Bahrtücher nähen. Gebt mir Stücke Thorarollen, gebt mir zerrissene Altardecken, gebt her, gebt her noch mehr Leichentücher, noch mehr, meine Kinder zuzudecken, die Vögel sollen sie nicht zerfleischen — ich fürchte so sehr." Ist sie es nicht, die da einsam steht am Wege nach Bethlehem? AU' ihre Lieben sind geblieben in der Höhle Machpelah, der Gatte und die Schwestern, sie haben sie allein am Wege gelassen, die Kinder zu behüten; so steigt sie jede Nacht empor und späht durch's Dunkel durch alle Lande, ob ihre Kinder gut schlafen. Nun kam sie her vom Wege, der nach Bethlehem führt, Laken zu nähen, ihre Kinder zuzudecken. — Und wer ist die, die ihr folgt, Schritt auf Schritt? Jung ist sie, als wär* es ihre Tochter. Siehe, sie streckt die Hände nach ihr aus: „Laß mich, Mutter, laß mich dir helfen. — Mein Kind hab' ich für sie zum Opfer gebracht, ich sah das Blut träufeln aus den Wunden seiner Hände, aus den Schwären seiner Füße, als sie ihn mit Nägeln an's Kreuz schlugen. Ich sah, wie er die Augen zum Himmel aufschlug und um Wasser flehte; sie aber haben ihm Essig gereicht, da hab' ich nicht geweint, Mutter, von dir hab* ich's gelernt. Ich hab* die Tränen zurückgedrängt und war selig; ich hab' ja mein Kind für sie zum 110