Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 121)
- Language
- German
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Reb Josef nahm zuerst das Wort. „Jüdische Töchter, die Ehre der Thora liegt in euren Händen, tut, was ihr könnt." Einen Augenblick nur zögerten die Mädchen. Dann erhob sich ruhig und entschlossen, aber bleich und lautlos Reb Josefs Tochter, ging in ihr Zimmer, riß den Kasten auf, der die Aussteuer barg und kramte ein schwarzes Samtmäntlein aus, bestickt mit goldenen Fäden, die Klagemauer bildend mit den vier Trauerweiden. Die Blätter waren aus mattem Silber, umrankt von Weinlaub, woran Tautropfen hingen aus Silberflitter. Seit drei Jahren stickte sie gar kunstvoll an dem Stoffe für den Liebsten, zum ersten Male sollte er ihn in die Hand nehmen, wenn er zum Traualtar schritt. All ihre Mädchenträume, all ihre bräutliche Sehnsucht hatte sie in diesen Stoff gewoben. Ihre Freude hatte die Bänder heller gefärbt, ihre Trauer dämpfte die Farben. Und ohne mit einer Wimper zu zucken, nahm sie das Brautgeschenk und legte es schweigend auf den Tisch. Jedes bräutliche Mädchen eilte nach Hause, holte das Geschenk, das für den Liebsten bestimmt war, Tallisbeutel, Sedertuch und Altardecke, und trug es schweigend zu Reb Josef. Und sie nähten alle Tallisbeutel, Sedertücher und Altardecken zu einem einzigen großen Teppich, den Titusbogen zu schmücken, den die Römer aufgebaut im Jubel über Jerusalems Fall. n. In selbiger Nacht sprangen die Pforten der Petruskirche auf und der Jude aus Nazareth, so in Galiläa liegt, stieg ab von seinem Kreuz und die Wand der Kirche blieb leer. Seine Wunden verhüllte er mit dem Leilich, das ihm Josef von Arimathäa gab, und wandelte durch die Gassen Roms. Er trug nicht den gelben Fleck, das Schandmal seiner Brüder, und die Wächter am Tore hielten ihn nicht zurück. Denn das Tor war dem Juden verschlossen und er hätte es nicht durchschreiten dürfen nach dem Abendläuten. Rom war beschäftigt, Masken zu schminken und Kostüme zu putzen für den morgigen Karneval. So sahen die Römer nicht den Gottmenschen, der die Kirche verlassen hatte, um unter ihnen zu wandeln. Bleich wehte sein Leichentuch zwischen den hohen Säulen. Er schritt am alten Bethaus vorbei, dem Kolosseum gegenüber und hörte die Juden weinen und flehen: Gott möge ihnen beistehen, morgen am Karnevalstage, er möge sie nicht zuschanden werden lassen; und wenn es schon sein muß, daß morgen der Papst den Fuß dem alten Rabbi auf den Nacken setzt, so soll er doch die Thorarolle nicht in den Staub treten. Am Kolosseum schritt er vorüber. Der Mond irrte durch die hohen Hallen, als fände er keinen Ausweg. Der Jude von Nazareth glaubte noch den Todesschrei seiner ersten Bekenner zu hören, die hier mit den Bestien rangen und sterbend seinen Namen röchelten. Der Gottmensch durchschritt das Tor des Augustus, das den Eingang nach Rom bewacht. Dort fand er tief in Nacht gehüllt den Messias, der auf einem Steine saß, mit schweren Ketten an die Mauer gefesselt. In der Hand trug er die Posaune, zur Seite 8* 107