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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 106 (sequence 120)
Language
German
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IRI
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und stickte emsigdas Haupt eines Löwen in den Samt, an dessen Pranken eine andere die Nadel führte. Und stille war's im Gemach, als säßen hier nicht blühende Mädchen mit unruhigem Blut und hochpochendem Herzen. Kein sonniges Lachen wie sonst, wenn die Braut heimlich den Tallisbeutel für den Geliebten näht mit glücklichem Lächeln, daß der Seide bunte Farben hell aufleuchten. Viel eher schien es, als säßen uralte Weiber um Mitternacht und nähten schauernd ein Totenhemd. Denn diese Arbeit war Knechtdienst, war schimpflicher Tribut. Die jüdischen Mädchen stickten Teppiche zu Schmuck und Zier — für den Titusbogen, für das Triumphmal, das Rom aufgerichtet, als es Jerusalem niedergerungen. Nun sollte der Bogen prangen zu Ehren der Prozession, die mit dem Heiligen Vater morgen am ersten Tag des Karnevals hindurchziehen wird; an dieser Stelle wird morgen der Fuß des Papstes dem ältesten Rabbi auf den Nacken treten, der ihm die Thorarolle entgegenhält! Dann blicken von den Wänden der Pforte in Stein gemeißelt hoch herab der siebenarmige Leuchter und der Tisch mit den Schaubroten aus dem Tempel von Jerusalem, eingehüllt von den Prunkdecken, die jüdische Mädchen gestickt für diese Feier und dulden diese Schmach in stummer Würde wie gefesselte Könige. So saßen jüdische Töchter und wagten nicht mit einem Wort das bange Schweigen zu brechen, das sie niederzwang — und taten Frohn. Da trat ein Aufseher des morgigen Festes ein und ohne ein Wort zu sprechen, ging er auf die Arbeitenden zu, riß ihnen die Stickerei aus der Hand und beschaute sie prüfend. Die Väter der" Mädchen steckten die Köpfe zur Tür herein, damit der Christ nicht allein bei den Judenmädchen weile — nach Vorschrift des heiligen Gesetzes. Näher zu kommen wagten sie nicht, sie bangten, den Gewaltigen zu reizen. Der Aufseher warf ein Stück nach dem anderen zur Seite und, als könnte er den Mädchen nicht in die Augen schauen, die in ihren schwarzen Samtgewändern im Schmucke ihrer Perlenschnüre gefangenen Prinzessinnen glichen, wandte er sich an die Juden an der Türschwelle: „Juden, Gauner, ihr wollt uns an Stoffen und Seide betrügen". Und im Weggehen warf er hin: „Wenn ihr keine anderen Teppiche aufbringen könnt, so werde ich die Vorhänge von der Bundeslade herunterreissen lassen und die Hemden von den Thorarollen, um den Bogen zu behängen." „Sieh' doch, das Schönste und Kostbarste haben wir aufgeboten," wandten die Juden begütigend ein. „Bis zum ersten Glockenschlage habt ihr Zeit" — damit verließ er die Stube. Die Mädchen ließen die Arbeit sinken, und die Fäden noch zwischen den Fingern drehend, blickten die einen tief zu Boden, die andern zu den Vätern hin, noch andere irgend wohin weit zum Fenster hinaus und schämten sich, einander anzusehen. Die Väter an der Tür schwiegen in tiefem Nachsinnen. So warteten alle und schwiegen. 106

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