Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 119)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1112869-9311769--452-1112991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Eine Karnevalsnacht, Von SCHALOM ASCH. Nach dem Jüdischen von HUGO ZUCKERMANN. »j L is an die Türe hatte Reb Schmul Hördes die Tochter geleitet. Es drängte ihn, ein Wort zu sagen, doch das Mädchen hob den Blick nicht und ob der tiefen Falte, die ihre Lippen zusammenpreßte, lagbeklemmendes Schweigen; und so würgte der Alte die Worte hinunter, strich sich mit breiter Bewegung über den Bart und schritt schweigend im Zimmer auf und ab. Und als das Mädchen mit ihrem Bruder, der die Laterne vorantrug, längst draußen war, seufzte er tief auf: „Herr der Welt, blicke hin auf die Schmach, die deine Kinder tragen um deiner Ehre willen." Das Mädchen trug über'm Arm einen roten Sammet, besteckt mit Nadeln und Häkchen, von Gold- und Silberfäden durchzogen. Still schritt sie ihrem Bruder zur Seite durch die schmalen Gäßlein des romischen Ghetto. Klar lag die Mondnacht da und die Laterne, die der Bruder trug, kündete, daß ein bräutlich Mädchen nahe, und brannte mehr ihr zu Ehren, als die Straßen zu beleuchten, die der Mond erhellte, — darf doch keine Braut im Dunkel über die Gasse gehen. Schweigend durchschritten sie die Oktavia-Allee, durch welche einst die Römer ihrem Titus entgegenjubelten, als er heimzog nach der Bezwingung Jerusalems, dort wo das hölzerne Kreuz aufgerichtet ist mit der Trutzschrift in hebräischen Zeichen: „Hartnäckig Volk, was wendest du dich ab von Gottes Wort!" Sie hatten diese Inschrift schon so oft abgelesen, sie hatten das Gleiche schon so oft aus Priestermunde anhören müssen, wenn sie am Sabbathnachmittag der Büttel mit Peitschenschlägen zur Kirche trieb, und dennoch brannten ihnen die Worte heiß auf der Seele, ein heftiger Schreck, eine schwere Beklemmung lastete auf ihrer Brust. Stumm gingen sie weiter fest aneinander geschmiegt und kamen vor Reb Josefs Haus. Der Bruder trat nicht ein, obwohl seine Braut hier wohnte, als scheute er, sie hier zu treffen in solcher Stunde. Ein knappes „Gute Nacht" zum Abschied und wortlos, wie sie gekommen, trennten sich die Geschwister. In Reb Josefs geräumiger Stube waren die vornehmsten Töchter der römischen Juden beisammen und stickten beim Scheine qualmender Ollampen auf purpurrotem Sammet mit Gold- und Silberfäden prunkende Teppiche. Niemand blickte auf, als das Mädchen eintrat, sie begrüßte nicht wie sonst die Freundinnen, der Braut des Bruders nickte sie schweigend zu, als diese ihr dunkles, edelgeschnittenes Antlitz flüchtig erhob. Schweigend wie die übrigen setzte sie sich zur Arbeit 8 105