Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1112869-9311769--447-1112986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
desselben vorkamen, die Schaben und Termiten, sind heute noch Nachttiere, die sich warme, dunkle Zufluchtsorte suchen. „Gott erschuf nacheinander mehrere Welten, er schuf und zerstörte, schuf und zerstörte, bis er diese Welt geschaffen hat," — sagt der Midrasch. Er müßte nur noch hinzufügen: er zerstört auch diese und schafft eine bessere. Er hört nie auf zu schaffen. Alles, was über den Zustand unseres Planeten heutzutage beobachtet werden kann, führt uns an die vorzeitliche Entwicklungsstufe zurück, und alles, was wir jetzt sehen, ist eine Vorstufe zu dem, was kommen muß. So in der Natur, so auch in der Geschichte der Menschheit. An den Basaltfelsen am nördlichen Eingang auf der asiatischen Seite sollen noch Spüren von alten Wegen zu sehen sein. Die Anlegung dieser Pfade reicht wahrscheinlich weit über alle geschichtlichen Überlieferungen hinaus, bis in jene Zeiten hinein, aus welchen uns die Erzählungen von den Wanderungen der Völker Kleinasiens nach Europa nachklingen, ein Widerhall urältester Überlieferung vom Verkehr nebelhafter Wunderländer des Ostens mit der großen Halbinsel des Mittelmeeres. Diese Pfade müssen merkwürdige Vorgänge gesehen haben. Und eines Tages „erbebte", wie unser Psalmdichter sagt, „die Erde in ihren Grundfesten", da drang das Schwarze Meer durch — ein umgekehrter Meerdurchzug — und teilte Europa und Asien. Denn was wir Bosporus nennen, ist nichts anderes als ein ausgestreckter Arm des Pontus Euxinus, d. h. des Schwarzen Meeres. Dieser Arm hat eine schöne Umrahmung — auch Werke der Schöpfung, reine Urwerke der Schöpfung. Die Ufer werden durch schöngeformte, oft schroff abfallende und bis über 200 Meter aufsteigende Berge gebildet. „Der ganze Strom ist eine Aufeinanderfolge ineinandergeschobener, in das Meer vorgelagerter Vorgebirge, die eine Menge der herrlichsten Golfe, Baien und Buchten bilden, hinter welchen die mannigfaltigsten, von Zypressen und Platanen beschatteten Taleinschnitte sich öffnen." Man weiß nicht, wie die Naturschönheiten entstehen. Infolge gewaltiger Vulkanausbrüche reichen sich zwei Meere die Arme, und schon sind an den Ufern Berge, wie sie sein sollen, und schon bilden sich Buchten, die erst recht die Meerenge nutzbar machen: schön und nutzbar. Und die Berge kleiden sich nicht nur in ein schönes Gewand, sondern sie haben auch Gestalt. Bald sind sie von grausiger Majestät, bald liegen sie behaglich kuppeiförmig, bald haben sie die sanften Linien eines weiblichen Körpers. Hier sind sie klein, verschrumpft, armselig, dort hoch und schlank von Gestalt, fast mit willenskräftigen Zügen, die straff und scharf sind, wie die Höhenluft, die über ihnen weht. Was ist eine architektonische Leistung dagegen? Die Natur hat diese Gestade geschaffen, diese Baien und Buchten gegraben. Hundertmal habe ich den Bosporus beobachtet bei Tag und bei Nacht. Die Stimmung der Morgenstunde! Noch umhüllt der dünne Schleier einer Sommernacht die Natur. Obwohl alles noch im Schlafe liegt, naht der junge Tag doch schon mit raschen, verstohlenen Schritten heran. Das Geflüster einer sanften Brise und erwachende Vogelstimmen künden 100