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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 99 (sequence 113)
Language
German
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reizen, gleitet der Blick hinweg und dringt in das Wesen der Dinge. Es kommen auch die mythologischen Erinnerungen; nebelhaft tauchen die Bilder auf. Zunächst die Etymologie. Bosporus soll von Boys-Rind und Nopos-Furt stammen, weil hier nach dem griechischen Mythus Jo, in eine Kuh verwandelt, durch's Meer geschwommen sein soll. Ich erinnere mich ganz dunkel an eine in der griechischen Mythologie erzählte Eifersuchtsgeschichte des Jupiter; die Umwandlung in eine Kuh war natürlich eine Strafe, wie sie oft in der griechischen Mythologie vorkommt. Wenn Jupiter die Zeit bedeuten soll, so wird es bei mancher Jo stimmen, daß sie sich der Kuhgestalt nähert, aber schwimmende Kühe — das ist schon ein reines Absurdum. Oder es mag auch die topographische Wandlung durch die Mythologie, die alles belebte, angedeutet worden sein. Verdankt ja der Bosporus sein Entstehen einem durch eine Revolution — nicht der Jungtürken, sondern einer Erdrevolution — hervorgerufenen Durchbruch des Schwarzen Meeres, und, daß vulkanische Gewalt dabei tätig war, zeigen ja die Basaltfelsen am nördlichen Eingang auf der asiatischen Seite und der vulkanische Boden hinter dem Tal von Kargbische ebendort auf der europäischen Seite. Über die Etymologie des Bosporus und über die Jo, die mich an die jesajanischen „Basankühe" („Parath ha-Baschan") erinnern, verlohnt es sich wirklich nicht, lange Untersuchungen zu machen. Viel einfacher ist der türkische Name: Stambul Boghasi — die Meerenge von Konstantinopel. Man denke sich, ein Erdbeben hätte den Suez- oder den Kaiser-Wilhelm-Kanal ausgegraben. Jedes Meer stürzt sich mit aller Wut an seine Ufer, aber da gibt's, wie die Alten sagen, eine Grenze. „Ich habe den Sand zur Grenze, des Meeres gemacht." Der Alltagsbeobachter sah immer das An- und Zurückprallen der Wellen und schuf sich dieses Bild, wie Gott der Gewalt des Meeres ein Hemmnis setzt. Der Epochenbeobachter sieht weiter, er merkt die Umgestaltungen, weil er größere Zeiträume umfaßt. Die Natur umfaßt alles: das Alltägliche und das Heroische, die Landschaft und die Geologie. So muß auch die Augenblicksbeobachtung Epochen umfassen, denn, wie in der Geschichte, so auch in der Natur kann die Gegenwart ohne die Vergangenheit nicht verstanden werden. Kann man die jetzigen Steinkohlenschichten richtig beobachten, ohne die Geschichte der Steinkohlen-Periode zu verstehen? Gewächse, die jetzt winzig klein in Sümpfen gedeihen, entwickelten sich damals zu gigantesten Formen, und alle Überreste, welche uns die Erdenrinde aus jener dunklen Vorzeit aufbewahrt hat, sprechen dafür, daß damals über die ganze Erde hin ein mehr als tropisches Klima herrschte, daß eine dichte Atmosphäre über sumpfigem Lande ruhte, welches eben erst mit flachem Rücken aus dem vorher noch die ganze Erde umfassenden, lauwarmen, dunstausatmenden Meere emporgestiegen war. Alle verkümmerten Pflanzenarten, welche sich von jener Zeit her den veränderten Weltzuständen bis heute anzupassen wußten und uns nun als schwächliche Epigonen von der Zeit ihrer einstmaligen Weltherrschaft ein ungefähres Bild zu geben vermögen, jene Schachtelhalme und Farnkräuter suchen sich heute dunkle, warme, sumpfige Stellen auf, um ihr Dasein mühsam weiter zu fristen, und auch die Abkömmlinge der wenigen Insektenarten, welche zur Steinkohlenzeit auf dem Lande als fast ausschließliche Bewohner 99

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