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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 101 (sequence 115)
Language
German
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IRI
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ihn an. Dann erscheint er selbst mit einem plötzlich aufflackernden, hellen, goldgelben Lichtstrahl, der sich sofort am Gesichtskreis ausbreitet. Regungslos, halbdunkel, unermeßlich tief scheinend, liegt in ihrer Ruhe die Meerenge. Und die verschiedenartigen Ufer Asiens und Europas — an beiden Seiten! Über den Gebirgsketten des Hochlandes und über dem Flachlande liegt es wie ein leichter Nebelhauch. Von der Entfernung meines Beobachtungspunktes kann ich die Einzelheiten nicht sehen, aber ich fühle sie: das bißchen Poesie, das bißchen Kunst, das bei jedem von uns im Gemüt steckt, vergegenwärtigt es uns näher als die örtliche Nähe. Auf Gras und Blumen und im Blattwerke des Gesträuchs liegt der Tau in Tausenden von Perlen, die sich auf den Spinnenfäden, die von Ast zu Ast, von Halm zu Halm gespannt sind, zu schweren Behängen aneinanderreihen. Die zierlichen Rispen des Silbergrases neigen sich in weitem Bogen zur Erde unter der Last des allerquickenden Elements. Es wird nun jetzt heller und heller; in allen Farben sprüht und leuchtet es überall, und schon das bloße Neigen des Kopfes läßt andere Farben und andere Farbentöne erscheinen. Wie ein Zaubersee inmitten der Welt liegt der Bosporus, und nur das beginnende Pfeifen der Stationsschiffe und der erwachende Lärm der Mannschaften stören diesen Wahn. Der eigentümliche salzig-jodförmige Duft der See lagert über Therapia, und an den Wäldern und Anlagen mischen stellenweise große Weinrosenstauden den lieblichen Geruch ihrer Blätter darein. Wenn die Poesie ein Wesen wäre mit Leib und Gestalt, inmitten dieses Morgens müßte sie über das Wasser schwimmen und über die Gestade hinwandeln, über die Dämme und durch das Gestrüpp auf die sonnigen Höhen. Sie tut es auch, und ich wenigstens fühle es, daß sie es tut. Sie findet ihren Weg über die Terrassen mit den uralten Bäumen, über die Blumenheiden des Krionero zu den Fischerhütten auf einsamer Höhe und dem Ackersmann auf dem Felde. Sie setzt sich auf die kleinen Segelkutter dem Meeresufer entlang, und sie hockt sich in das kleinste, engste Stübchen eines Arbeiters der Landungsbrücke; sie gesellt sich dem einsamen Wanderer als Weggefährtin zu und lockt ein Liedchen aus seiner Brust; sie malt ihm den Himmel noch blauer, als er ist, und streut eitel Blumen und Blumen auf seinen Weg. Allenthalben und überall scheint sie die Menschen zu umschleichen und zu umwehen. Die Menschen, die sich hier angebaut, eingenistet, oder die, wie die Zugvögel hier durchziehen. So ist der Bosporus in seiner Erhabenheit, in seiner Natur, so lebt und webt er. Das Treiben der kleinen Menschen um ihn, ihre Geschäfte und Spiele, ihre Ränke und kleine Genüsse, ihre Paläste und Hütten, ihre Flitter und Fetzen sind auch sehenswert.

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