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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 98 (sequence 112)
Language
German
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ist einer unserer ältesten biblischen Begriffe. Daß gleichwohl solches Wallen und Fließen noch jetzt, wenn wir an einem Ufer stehen, uns wie Kinder mit frischem Reize anmutet, liegt darin, daß wir die Mechanik vergessen, die sich hinter dieser Bewegung abwickelt. Das Gesetz der Schwere, welches den Bergquell zwingt, seine reine Höhe zu verlassen, sich in die Tiefländer zu senken, sich mit Schlamm zu verunreinigen und in die Unermeßlichkeit zu verschwinden, bleibt uns in solchen Augenblicken unbewußt. Und dieses Unbewußtsein ist auch das Ende alles Wissens, denn nach allem Wissen gelangt man wieder an das ewige Rätsel des Kreislaufs der Natur und der Dinge. Wir sagten: „wie es die Kinder mit frischem Reize anmutet". Das ist eben einer der schönsten Anblicke, wie die Kinder an Festtagen ihre Ausflüge in beflaggten Dampfern auf dem Bosporus machen. Wir meinen alle Menschenkinder. Welch süßes Gefühl, an einem Sommerfrischen Festtagsmörgen aller Sorgen ledig ins Freie zu streben, immer weiter, immer sehnsüchtiger nach blauen Fernen ziehend, als ob sich tief im Hintergrunde dieses Lebens noch ein verborgenes Ideal aufhalte, das wir schnell entdecken müssen! Den Kindern gleich, welche atemlos dem in der Ferne verschwimmenden Horizont nachlaufen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich ein engelschönes Jenseits gibt, stürmen wir an glücklichen Freiheitsmorgen vorwärts, soweit uns die Bahnen und die Dampfer tragen. Ein Glück, daß wir auf dem Vergnügungszuge dieses Lebens nur mit Retourkarten fahren, sonst würde uns der Dampfer in utopische Länder tragen, wo der Wanderer nur zufriedene, heitere Menschen erblickt, wo es keine Steuern und keine Konzessionen, wo es nur ewig blaue Festtage und niemals einen grauen Wochentag gibt. Süßer jedoch als all dies Schweifen und Wandern ist das Gefühl, neben dem Vergnügen auch Politik zu machen: Ausflugsdampferpolitik in musikalischer Form. Da wird immerzu die türkische Freiheitshymne gespielt und gesungen. Dann geht's vor den Botschaftspalästen vorbei und dann geht's los mit den verschiedenen Nationalhymnen. Das Repertoire und die Tonhöhe besitzen einen zuverlässigen Maßstab für die jeweilige politische Konjunktur. Daß vor dem österreichischen sommerlichen Botschaftspalast nicht gespielt wurde, das war eine Konjunktur. Es wird nun schon wieder gespielt. Ja, die Politik — la donna e mobile! Wir hatten auch einmal den seltsamen Genuß, vom Balkon des Sommerpalasthotels die gemütsanregenden Laute der „Hatikwah" zu hören. Es war während des Ausfluges des jüdischnationalen Turnvereines Konstantinopels und Bulgariens. Die Dampfer hielten an, die Reisegesellschaft hatte zu uns eine Abordnung zur Begrüßung geschickt und vom Bosporus her klangen die bekannten Laute. Unter dem vermaledeiten, alten Regime wäre das undenkbar; man müßte einen Extra-Charter dafür erlangen. Jetzt kann man „singen und sagen", so viel man will. Der Geist der Verfassung schwebt auch über den Wässern. Kehren wir aber nach diesem „politischen" Abstecher zur Natur zurück. Im Lande des Sonnenaufgangs, unter der hohen und so wunderbar hellen Sonnendecke, kommen einem bei der Beobachtung der Natur die philosophischen Gedanken von selbst. Uber die Banalitäten der äußeren Erscheinungen, die eine philiströse Neugierde 98

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