Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 97

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 97 (sequence 111)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1112869-9311769--444-1112983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Aber genug dieser Beschreibung-! Die Ruinen des Despotismus sind interessant, aber nicht schön. Sic transit gloria mundi! Gibt es in Wirklichkeit etwas Sonderbareres, als diese mächtigdahinquellende Wasserstraße? Mancher wird über eine solche Frage freilich verwundert den Kopf schütteln. Sieht man doch Wasserstraßen alle Tage und allerorten. Es ist das eben wieder die alte Geschichte von der Abstumpfung, welche bewirkt, daß man über solche Dinge nicht mehr nachdenkt. Eine wundersame Erscheinung wird dadurch zu einer langweiligen oder bedeutungslosen, daß man sie häufig zu sehen bekommt. Versuchen wir es aber, uns Kinderaugen einzusetzen, uns alte Voreingenommenheit aus dem Kopfe zu reißen, so gelingt es uns vielleicht, sich des Restes unausgelaugter Einbildungskraft, der uns geblieben ist, zu bedienen, um uns in ein natürliches Staunen, in einen natürlichen Genuß, wie der, den das Kind empfindet, hineinzufühlen. Der weise Kohelet, der die Erscheinung anstaunte, daß alle Flüsse nach dem Meer strömen und daß dieses nie voll wird, hat eine natürliche Anschauungsform zum Ausdruck gebracht. Jeder erinnert sich seiner Kindheit, in welcher ihm ähnliche Gedanken nicht ferngeblieben sind. Das ewige Wasser! Da jagt und schäumt es vorüber, alle Stunden des Tages und der Nacht. Ein wahres Wunder. Wochenlang zieht keine Wolke über den Himmel, fällt kein Regentropfen — die Wellen jagen. Noch jetzt geschieht einem fühlenden Menschen ähnliches, wenn er einen Fluß, eine Meerenge, ein Meer beobachtet. Wie unermüdlich ist dieses fließende Wasser! Es hätte ja das Becken eines Ozeans ausfüllen können, und doch ist das Becken noch nicht ausgefüllt. Es fließt iioch immer. Woher? Wohin? Dieses Erstaunen wird sich kaum vermindert haben, wenn man in reiferen Jahren erfuhr, daß es kein wandelndes Wasser auf der Erde gibt, als dasjenige, welches einmal im Meere und in den Wolken war und zeitweilig immer wieder dorthin zurückkehren wird. Lange sträubt sich die Einbildungskraft gegen solche Belehrung. Noch in unserm Jahrhundert gibt es Physiker und Geologen, welche das Vorhandensein von Wasservorräten unterhalb der Erddecke annehmen. Die in Bildern pantheistisch denkenden Völker denken sich in der Tat den Geist des Flusses als einen schilfbekränzten Greis, der neben einem Felsblock sitzt und eine Urne hält, aus welcher das Wasser in silbernem Schwall herausfließt. In unserer Mystik heißt dieser Geist „Fürst des Meeres" („Ssar schel jam"). Es blieb aber nur bei einem ganz abstrakten Engelbegriff. In einem alten hebräischen Buch über die Angelogie habe ich einst gelesen, daß, als Nachmanides seine denkwürdige Seereise nach Palästina machte, er auf der See das Akrostichon S. A. L. als „Schern" (wunderwirkende Formel) zitiert. Es sind dies die Alifangsbuchstaben des Bibelspruchs: Gottes Geheimnis den Gottesfürchtigen („Ssod Adonai lijreow"). Das wird wohl auch der Ausdruck eines tiefsinnigen Staunens sein, der im Glauben ausklang. Nichts ist grandioser als dieser Fluß, diese Bewegung. Von allen Erscheinungen auf der Erde, welche etwas Körperliches, einen Gedanken versinnbildlichen sollen, gibt es nichts, dessen Bedeutung in dieser Hinsicht früher aufgegriffen worden wäre, als die Erscheinung des Meeres. Die Zeit ist „wie das Wasser verflossen" („kamaim abru"), 97

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.