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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 96 (sequence 110)
Language
German
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den Bosporus stürzen; nach der Aufhebung der Verfassung Mithad-Pascha's hatten die Seehunde eine gute Zeit. Die Stelle wird genau gezeigt, wo ein spezieller Würdenträger mit der Mission des „ins-Wasser-Stürzens" betraut war. Er soll ein Athlet gewesen sein. Nach der Kontra-Revolution flüchtete er nach Broussa, wurde dort auf der Straße erkannt und von der Volksmenge gelyncht . . . Dort weiter war der arme Murad eingesperrt; man durfte nicht einmal den Namen aussprechen, man durfte nicht nach jenen Palast hinschauen, man durfte auch nicht an jenen Palast denken — „alles wurde mit dem Tode bestraft" hörte ich einen Cicerone sagen, als er eine amerikanische Familie auf dem Verdeck des Dampfers vis-ä-vis des Muradpalastes belehrte. Es war nicht einmal der richtige Muradpalast, es war ein ganz anderer. Dann fahren wir beim Jildiz-Kiosk vorbei. Mit einem guten Glas kann man die ganze Topographie von der Ferne genau bezeichnen, besonders wenn man den Jildiz genau kennt. Dort ist der große Vorplatz rechts von der Hamidie-Moschee und dem Urturm, links von dem Pavillon begrenzt, wo das diplomatische Korps dem Selamlik beizuwohnen pflegte, und in der Nähe der schöne, helle Kiosk, wo Abdul-Hamid die Botschafter und Gesandten in Audienz empfing. Noch vor kurzer Zeit lag dieser Platz öde da, denn jede Annäherung Unberufener wurde erschwert, nur an den Freitagen, wenn der Sultan den Selamlik in der Hamidie-Moschee abhielt, zeigte er ein glänzendes Bild. Das hat sich jetzt gründlich geändert und er hat heute das Aussehen eines gewöhnlichen öffentlichen Platzes. Dem Haupttor gegenüber erhebt sich die zweite Umfassungsmauer, die den Harem einschließt. Angeklebt wie ein Schwalbennest erstreckt sich an ihrem Fuß ein niedriges Gebäude, es enthielt die Bureaux der Privatsekretäre und wird jetzt ausgeräumt. Hier brachte Herzl lange qual- und hoffnungsvolle Stunden zu. Durch ein großes Tor tritt man in den inneren Palastbezirk ein, dem der Harem sein Gepräge gibt. Ein Drehkreuz verzeichnet den Eintritt und man sieht sich auf einer Veranda. Unten — ein langes, schmales Wasserband, das sich kreisförmig in den Garten hinein erstreckt und fast zu seinem Anfang zurückkehrt. Ein Leviathan! Es ist der berühmte „See" des Palastes. Ein Wasserveloziped gondelt darauf herum, und drei breite, faule Boote reiben sich an den Steinen der Kaskade, die den „See" mit Wasser "speist. Rechts erstreckt sich die Mauerflucht des Harems. Alle Türen sind versiegelt und die Vorhänge vor den Fenstern heruntergelassen. Am Ende des Harems sieht man den Pferdestall — jetzt ohne Pferde. Dort, wo die Umfassungsmauer einen Knick macht, erhebt sich der Kendinin-Kiosk, d. h. sein Kiosk. Von den Baikonen hat man einen herrlichen Anblick über den Bosporus und die Stadt. In diesem Kiosk soll der Sultan oft geweilt haben. Im oberen Stockwerk sind zwei Fernrohre. An den Kendinin-Kiosk schließt sich der riesige Taubenschlag an, der 20.000 Paar Tauben enthalten haben soll. Auf der anderen Seite befindet sich ein gut ausgestattetes Papageienhaus. Rechts liegt das lang ausgestreckte Waffenhaus und die Tischlerei; aufwärtsschreitend gelangt man mitten hinein in die Landwirtschaft des Palastes, wo es wie auf einem Tschiftlik, auf einem türkischen Gutshofe aussieht. Vom Tschiftlik gelangt man zum Merossim-Kiosk mit Parkalllagen und freien Plätzen. Etwas weiter taucht eine lange Reihe von Käfigen auf: ein Tiergarten. — 96

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