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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 95

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 95 (sequence 109)
Language
German
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IRI
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Wonne! — und griechischen Tingeltangels um die Sommerbotschaftspaläste mit ihren Parken, Anlagen, Prachtpforten, burschikosen Montenegriner Kawassen und sonstigen Akzessorien, an deren Größe man die jeweilige Bedeutung und Einflußsphäre der betreffenden Großmacht genau ermessen kann. Alle Zeiten, alle Kulturen, das moderne Leben und das ganze Intriguenspiel der Politik! Tausend Fäden verbinden auch uns mit den Ufern dieser wunderbaren Wasserstraße. Ist doch Konstantinopel eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Diaspora! Ein Sagenkranz der späteren Midraschim windet sich um diese Stadt, um Konstantinah, die auch „Rom" genannt wird. Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung lebten Juden in Konstantinopel. Sie lebten dort in einer Gemeinde organisiert, nicht nur vor dem Islam, sondern auch vor der Einführung des Christentums. Nicht nur ein Teil der Juden, aber auch alle Teile, auch solche, die im strengen Sinne des Wortes zu den Juden nicht gezählt werden, also die Koräer und die Samaritaner hatten hier große Gemeinden. Karakenoi am Bosporus war ursprünglich ein Koräerdorf und die Koräer Konstantinopels sprechen bis auf den heutigen Tag griechisch — ein Überbleibsel byzantinischer und noch früherer Zeiten. Die Rabbiniten waren jedoch zahl- und einflußreicher. Sie haben das ganze Martyrium des Goluth ertragen müssen, aber sie hingen an dieser Stadt, die eine Pforte ihres Orients ist, bis der Islam einrückte und sie menschlich zu behandeln begann. Galatz und Pera, wo jetzt der große Fremdenverkehr stattfindet und wo die großen Hotels stehen, waren früher ein Judenviertel. Bekanntlich hat auch eine große samaritanische Gemeinde in Konstantinopel existiert. -Die Nähe Palästinas bewirkte es, daß in dieser Stadt, wie in keiner anderen ein Mikrokosmus der palästinensischen Bevölkerung bestand. Noch unter Justinian war diese Gemeinde mächtig. Schon damals war Konstantinopel die Regierungsresidenz Palästinas; Justinian hatte dort seine Statthalter und Verwalter, die Samaritaner standen seinem Hofe nahe, aber das Joch der justinianischen Satrapen war zu schwer und als die Samaritaner es abzuschütteln versuchten, ließ Justinian die samaritanische Gemeinde in Konstantinopel vernichten. Die losen Anhängsel des jüdischen Volkes konnten vernichtet werden, aber das Volk ist geblieben. Es hat den Byzantinismus überlebt, es kam unter osmanische Herrschaft. Und wieder sind die Geschicke Palästinas und der nationalen Zukunft an diesen Platz gebunden. Wehmutsvoll-anregend überkam es mich, als ich mit Herrn David Wolffsohn den Spuren Herzls folgte. Herr Wolffsohn weiß es so unmittelbar und kann es so detailliert erzählen, wie Herzl, den er so oft begleitete, mit ihm den Bosporus, in der ihnen vom Sultan zur Verfügung gestellten „mouche" von Therapia nach der Stadt immer reiste — mit den Ideen und Plänen, mit den Projekten und Hoffnungen. Die Zeiten und die Formen haben sich geändert, aber die Idee bleibt. Was sind die Menschen und die menschlichen Einrichtungen? Die böse Macht des Jildiz-Kiosk ist gebrochen; eine neue Macht, eine Macht der Freiheit und des Volkes ist am Bosporus erstanden. Tag für Tag fahren wir diese Wasserstraße entlang und da ist des Erzählens kein Ende. Jetzt ist noch der politische Teil hinzugekommen: Hier ließ Abdul-Hamid Leute in 95

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