Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1112869-9311769--441-1112980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Tun und Treiben dieser Geschlechter rankt, gleich den wilden Rosensträuchern um altes Mauerwerk. Solche Burgen, wie, um ein Beispiel anzuführen, die von Brikos, kennt jeder, der einmal über den Bosporus gefahren ist, weil sie unmittelbar neben der Wasserstraße stehen. Etwas anderes ist es mit den Kastellen, welche in größerer oder geringerer Entfernung seitwärts zwischen den Hügeln verborgen liegen. Raubburgen, von welchen aus im Mittelalter an den Heerstraßen Wegelagerei getrieben; Klöster, in denen sich ehemals scheue Nonnen vor den Blicken der zudringlichen Männerwelt bargen, und die später in Harems verwandelt worden sind, Überbleibsel der mächtigen Römerzeit, Festen und Wälle, in denen sich die fromme Christenheit ihren Klerus, düstere Klausen oder Zellen stiftete, um dann den Genueser Rittern den Platz zu räumen, die später von den venetianischen Großhändlern vertrieben worden sind, um — ein wahres „Chad-Gadja"! — nachher vom Großtürken hinausgejagt zu werden, der nun von den Botschaftern der Großmächte und von den Botschaftern der größten Großmacht, „Kapital" genannt, verdrängt wird. Und welche Metamorphosen der Umgebung, der Einrichtungen, der Stile! Die Zeiten änderten sich, mit ihnen die Menschen und mit diesen — ihre Bauten. Die byzantinischen Klöster, geborene römische Kastellen, wurden durch die Venetianer „verweltlicht" — wenn man sich eines modernen Ausdrucks bedienen darf. Die Venetianer hatten sich immer durch geistige Rührigkeit und Sinn für den Lebensgenuß ausgezeichnet, der durch die Heranziehung künstlerischer Elemente und lebensfrohen Treibens verfeinert wurde. Man kann sich denken, was kunstsinnige und wohlhabende Geschlechter aus einer Anhäufung von alten, riesigen Bauwerten zu machen wußten. Durch tausend Öffnungen wurde Luft und Sonnenglanz in das Halbdunkel hineingeleitet. Es wurden Mauern durchbrochen, es entstanden Fluchten heiterer Säle und Gemächer; es war im Handumdrehen wie ein Umschlag aus dem Mittelalter in die Renaissance. Dann kam ein Umschlag aus der Renaissance in die tiefsinnige, halbdunkle, schwärmerische Poesie eines maurischen Stils. Es war kein reiner maurischer Stil, — die Osmanen waren nur von den Arabern beeinflußt — aber sie waren noch zu jung, zu ungestüm-kriegerisch, zu urwüchsig-barbarisch, um das Innerliche dieser Schönheit und die unmittelbare Anmut dieser ästhetischen Lebensanschauung sich eigen zu machen. Sie waren die Eroberer und die unaufhörlich Bedrohten und sie befestigten sich: das Verborgene, das Befestigte, das Trauliche, das sind die hervorstechenden Züge der osmanischen Bauart. So schließt sich ein Ring von allerhand Denkmälern um die Gestade des Bosporus. Aus der Wellenbewegung der Geschichte sind Anschwemmerl zurückgeblieben und die großen geschichtlichen Perioden, wie die der Römer, der Griechen, der Byzantiner, der Genuesen, der Venetianer und der Türken haben ihre Niederschläge zurückgelassen, bis zu den heutigen Wagon-Lit-Gesellschaften und bis auf Toxatlion. Man spaziert hier wie in der Weltgeschichte herum: römische Mansiones, Burgtrümmer, genuesische Schlösserruinen, Überreste alter Basiliken, die in Moscheen umgewandelt worden sind, eine Menge klassischer und romantischer Spuren neben-, auf- und durcheinander, durchflochten mit Hotels, Hotel-Pensions, Familienhotels, Lawn-Tennisplätzen, türkischen Cafes — welche 94