Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 107)
- Language
- German
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wie mit dem Ölgemälde. Mit anderen Augen betrachtet, erkennt man das große Meisterwerk. Die Tätigkeit, welche die Berge abträgt und die Ebenen auffüllt, ist der Pendelschlag nach der einen Seite hin. Wendet er sich wieder zur anderen, so sieht man die Umgestaltung des Erdbodens nach der entgegengesetzten Richtung, die Verdrängung dieses oder jenes Meeres — die Schaffung neuer Meere, neuer Länder, neuer Heimstätten, neuer Bedingungen menschlicher Entwicklung. Die länglichen Abflußvertiefungen des nicht verdampften Wassers aber sind nicht nur Drainagerinnen, sondern die Vorgestalter zahlreicher Genossenschaften und Bildungsformen. Und wenn man ihnen so nachschaut, so bleibt wenigstens e i n Eindruck von ihnen fest in uns. Es ist der Eindruck, nicht nur daß „Alles fließt", wie der alte Heraklit sagte, sondern auch, daß der Wellengang dieses Fließenden ein vernünftig schaffender und zielbewußter sein muß. Kann es etwas Vernünftigeres und Großartigeres geben, als eine Wasserstraße zwischen Europa und Asien, zwischen der neueren Siebenhügelstadt und Anatolien, zwischen dem Schwarzen und dem Marmarameer? Den Bosporus muß man ruhig befahren, um seine Schönheiten zu entdecken. Die Rudergymnastik, die Sucht, nicht zu schauen, sondern anzukommen, die Muskeltechnik und die Prämienwut sind auch hier über die Poesie der gewöhnlichen „Barka" Herr geworden. Die Stationsschiffe üben eine ganze Strategie, um nicht zu sagen eine ganze Politik aus; dann haben die „mouches" auch zumeist politische Missionen. All das ist interessant; es knarrt und plätschert und spielt und pfeift, — ein Wetteifer der Groß- und Kleinmächte. In dieser Beziehung ist der Bosporus ein Ausstellungs- und Rennplatz, ein Wasserkorso. Aber der Bosporus ist mehr als dies. Er fließt in einer grandiosen Unbekümmertheit um all diesen Firlefanz herum und dahin. Wenn er -grollen will, so grollt er und läßt sich von den Signalen der Stationäre gar nicht abschrecken. Und wenn er heiter sein will, so ist er eben heiter. Zuweilen schleicht er ganz verschlafen hin. Es ist, als ob seine träge Flut noch immer die Dämmerung der Unterwelt in sich trüge. Durch den Gegensatz der weißen Ufer und lichten Viilen, durch welche er sich bewegt, schaut er manchmal noch dunkler, schier von der Farbe des grünen Jaspis, aus. Aber viel öfter rinnt er in einem entzückend hellen Blau und jagt lustig und heiter hinab, das einem das Herz aufgeht. Er jagt den Villen und Schlösser entlang und in keinem einzigen Orte der Welt stehen so viele Schlösser auf einem verhältnismäßig engen Raum zusammen. Fast an allen diesen haften Sagen, nicht solche, welche zur Biedermannszeit von Schöngeistern erfunden und in blumiger Prosa wie in Balladenform auf Löschpapier gedruckt worden sind, sondern Sagen, mit welchen sich das leibhaftige Volk beschäftigt. Von den reichen Schlössern Bajak-Deres strahlt der Glanz einer reichen, anziehenden und inhaltvollen Geschichte. Mit sehr geringen Ausnahmen hat die Levante keine Geschlechter gehabt, die so wirksam mit den Schicksalen dieser Länder verflochten sind, als die großen griechischen, genuesischen, fränkischen, ottomanischen und zuletzt die internationalen Geschlechter am Bosporus. Was alle Namen dieser Geschlechter in den Staatsaktionen und in der langen Geschichte des Bosporus bedeuten, das zeigt manches Schulbuch und jeder Bädeker. Was diese aber nicht zeigen, das ist die Sagenwelt, die sich um das 93