Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
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Orientbilder. Der Bosporus. (Ein Fragment.) Von NAHUM SOKOLOW. ie Bilder unserer Bibel, durch welche man in der lebendigen Seele des Kindes zuerst jene Begriffe von einem leuchtenden, heiligem Orient zu erwecken sucht, all jene reizenden Erzählungen vom Paradies der Menschheit, von den Zelten großer Hirten und Seher, von den Erzvätern und dem Stammland der Ahnen, durch welche religiöse und ethische Ideen dem zunächst auf das materiell Greifbare gerichteten Fassungsvermögen des Kindes nahegelegt werden müssen, werden von dem empfänglichen Gemüte mit so großer Liebe aufgenommen, daß in dem Geiste des Mannes, der durch die Hammerschläge des Schicksals am Ende hart und spröde geworden ist, von diesem greifbaren Gerüste zum kohen Gedankenbau einer geistigen Weltanschauung stets deutliche Spuren zurückbleiben. Wenn wir zu begreifen beginnen, daß die Welt überall gleich ist, so will es uns doch immer noch dünken, daß dort am Sonnenaufgange, wo unsere ersten Anschauungen das Elysium der Seligen suchten, etwas Höheres und Besseres sein müsse, das unserem Begriffsvermögen fern liegt. Um wie viel mehr waltet diese Kraft über uns, Kinder der Sonne, über uns, in denen die große Seele des Orients immer noch lebt und webt. Das ist mehr als Glaube und Phantasie; das ist ein gewisses Heimweh. Wir können uns nicht denken, daß im Orient auf dem Lande rings dieselben Bäume wachsen, dieselben Blumen in Feld und Garten den grünen Mantel der sommerlichen Natur mit leuchtenden Farben durchwirken, dieselben Flüsse strömen — es muß anders sein! Und es ist auch anders. Es ist voller und schöner, bunter und urwüchsiger. Die Erde beherbergt andere Menschen, andere Tiere und andere Pflanzen, der Ausdruck der schaffenden Natur gibt sich in anderen Phänomenen kund. Es ist eigentlich alles dasselbe, aber es ist eine andere Nuance und eine andere Beleuchtung. Ich will über die große Wasserstraße Konstantinopels sprechen: über den Bosporus. Man kann sich an dem Bosporus gar nicht sattschauen. Er ist der Reichtum Konstantinopels. Deshalb wird diese märchenhaft wunderbare Stadt so sehr begehrt, zum Glück von allen begehrt. Solche Wogenstraßen wie der Bosporus haben große Vereinigungen von Menschen, haben Reiche gebildet. Auch hier zeigt sich das Doppelgesicht der Natur. Der Chemiker sieht im Ölgemälde Harze, Firnisse, Metalloxyde und Leinengewebe. Der Physiker findet in den Flüssen und in den Meerengen Arbeitskräfte, welche die Berge erniedrigen und die flachen Gegenden auffüllen — für ihn sind sie Furchen oder Rinnen, durch welche das überschüssige Wasser abgeleitet wird, welches auf der Erdoberfläche nicht festgehalten werden kann oder nicht verdunstet. Es verhält sich aber damit ähnlich 92