Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 101)
- Language
- German
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LeoHebraeus im Italienischen geschrieben worden. Sind sie etwa weniger jüdische Kulturwerke, als die in hartem, unordentlichem Hebräisch geschriebenen Werke der Kommentatoren und der späteren Rabbinisten? Gewiß, es wäre im Interesse der jüdischen Kultur, sich in der hebräischen Sprache fortzusetzen, weil sie zugleich dadurch die innere Verknüpfung, gewissermaßen ein inneres Gefüge erhalten würde. Aber ist das möglich? Mit der Sprache ist es wie mit der Religion. Wie diese aus dem Bewußtsein der Juden erwachsen, nunmehr keine Wurzeln mehr in diesem Bewußtsein hat, so hat auch die Sprache ihre innere Berührung mit der jüdischen Seele verloren. Das Intime, das zwischen der lebendigen Sprache und dem Volk besteht und ihr den Zauber verleiht, verflüchtigt sich immer mehr, mit jedem Tag, mit jedem Geschlecht — und bald wird es ganz aufhören. Trotz den Bestrebungen der Jungen, trotz der Sehnsucht der Alten. Was kann man da tun? „Die alten Lichter sind ausgelöscht — neue Fackeln fliegen in die Winde. Die Frage ist nicht die, ob es unabwendbar und gut sei, sondern ob nicht das Unabwendbare durchglüht durch das Leben und die Seele der Vergangenheit, sein geistiges Erbe übernehmen, etwas von dem alten, frischen, schönen Ausblick, vom alten Enthusiasmus, von der visionären Heiterkeit, dieser so alten Macht, behalten kann. Wenn die alte Sprache verschwinden muß, wenn sie ihre Zeit bis zum letzten Atemzug gedient hat, wohlan, so möge sie schwinden." . . . diese Worte hat auch ein Sehnsüchtiger geschrieben, der das Ringen seines Volkes und das Absterben seiner alten Kultur sah. Es war - der irische Dichter William Sharp, der diese entsagungsvollen Worte mit Bezug auf die alte gälische (keltische Sprache) schrieb. Könnte ein Jude, der über seine alte Sprache und Kultur nachdenkt, anders sprechen? Nur wird sein Pessimismus nicht so stark sein müssen. Denn was einem anderen Volke unmöglich wäre — eine wirkliche Nationalkultur, die von einer inneren Idee durchflutet, von einem eigenen Ideal getragen wäre — bei uns sind Elemente dafür vorhanden. Das ist der letzte Grund und die Erklärung des jüdischen Bestandes, daß er nicht auf Äußerlichkeiten gestützt ist. Eine Sprache wird vergessen, die andere wird angenommen — ein anderes Volk wäre daran zugrundegegangen — als Volk nämlich — in dem Juden lebt etwas, das stärker ist, als das Äußerliche: die Lebensanschauung. Und nun wollen wir nicht auf das Nebensächliche unsere Aufmerksamkeit wenden, sondern auf die Grundlagen selbst. Wir müssen ausgehen, die Grundlage zu einer jüdischen Kultur zu suchen. Und da stoßen wir auf ein Zauberwort, das „Bewußtsein" heißt. Was Bewußtsein sei, ob es mit dem „Ich" identisch oder von ihm verschieden sei, ob es die „Energie" selbst, der Prozeß des psychischen Lebens oder eine für sich bestehende Funktion sei — einerlei, es besteht, ist der Grundfaktor des psychischen Lebens. Beim Individuum wie auch beim Volke. Es ist vielleicht ein mystischer Begriff, das Wort von einem Volksbewußtsein. Ist doch das ganze luftige Gebäude von Lazarus und Steinthal, das der Völkerpsychologie, bereits in sich zusammengestürzt. Aber, wie immer die Theorie des Bewußtseins diskutiert werden mag, Tatsache ist, daß es eine bestimmte Art der Auffassung, der Apperzeption, einem bestimmten, ausgeprägten und nicht ethnisch zusammengewürfelten Volke, das Rasse und Tradition hat, dessen geschichtliche Kette und Kontinuität noch nicht gesprengt wurde, eine ganz eigene, nur diesem angemessene ist. Der „Weg zur Erkenntnis" ist eben ein anderer. Alle Wege führen zu einem Ziel, alle suchen eine und dieselbe Erkenntnis — das Problem der Welt — aber jeder geht an die Frage von einer anderen Seite heran. Und wenn er es auch nicht wollte, und wenn er sich in eine andere Seele hineinschleichen wollte, es würde ihm nicht gelingen. Er folgt Gesetzen, die vor ihm festgesetzt wurden, den Gesetzen der Vererbung. Er folgt der Rasse. Wie weit die Rassentheorie richtig sei und wo ihr die Grenzen gesteckt werden müssen, fällt nicht in den Rahmen dieser Untersuchung. Aber es handelt sich bloß um Grenzstellungen. Die Tatsache ist unleugbar. Gleichviel, wie das zu erklären sei, wir kümmern uns nicht um die Abstammungsgeschichte. Und ebenso wie es „physische" Rassen gibt, gibt es auch „psychische". Unter diese Kategorie kommen alle durch ein Milieu verbundenen, durch eine historische 7 89