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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 90 (sequence 102)
Language
German
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Tradition geleiteten und zusammengehaltenen Gruppen. Alle Ideen der Menschheit tragen den Stempel dieser psychischen Rassenhaftigkeit. Er ist unzerstörbar, wenn auch den Veränderungen immerfort ausgesetzt, wandelbar. Das große Individuum ist immer ein Ende oder ein neuer Anfang einer Entwicklung. Aber, um sein zu können, bedarf es der Materie, des Grundes, und das ist das Psychisch-rassige. Und darin finden wir den Ausgangspunkt zu einer neuen Hoffnung, zu einer neuen Sehnsucht. Wir haben gesehen, daß das alte Judentum sich aufgelöst hat. Wir sehen nur Trümmer und Trümmer und keinen neuen Grund. Aber die „Idee" des Judentums war ein Weg des jüdischen Geistes, nur eine Weise der Tonskala der jüdischen Psyche. Eben weil sie alle anderen übertönte, sich bis zum Äußersten steigerte, beherrschte sie alle Nebentöne, aber isolierte sich zugleich und mußte schließlich fallen. Chamberlain wirft uns vor, wir seien alogische Menschen. Möglich — nicht im diskursiven Denken liegt unsere Stärke, aber in der intensiven Auffassung von unermeßlichen Wahrheiten, im Erfassen der Idee. Die Idee war die Religion. Diese drängte das Leben zurück, verdrängte alle Regungen des Geistes. Aber sie fesselte sie bloß, sie erstickte sie nicht. Und nun, da die alte Form gesprengt wurde, sind die Kräfte frei geworden, zum Sturm und neuem Leben bereit. Welche ist nun diese neue „Idee"? Es ist eben die aus der ganzen Psychik der Juden resultierende — die voluntaristische Auffassung, die Zielsetzung im Leben. Dieses Grundprinzip auf die Religion übertragen, schuf den Monotheismus. Diese kann auch einen weiteren Schritt wagen, den neuen Menschen schaffen. Was allen anderen Völkern nicht gelingen konnte — das Leben mit der Idee zu versöhnen, zu harmonisieren — wir konnten es tun, weil wir als Volk das Geschöpf der Idee waren. Und um es wieder werden zu können, um wieder die innere Einheit zu bekommen, müssen wir Menschen der neuen Idee werden, bewußte Träger eines Lebensideals. Wir sehen einstweilen nur die Umrisse, nur die schwankenden Schatten des Kommenden. Aber wir sehen in der Ferne das Nahen dieses neuen Judentums, das nicht mehr Religion, sondern Religiosität, nicht mehr Dogma, sondern Dichtung, nicht mehr Tradition, sondern farbenschillernde Gegenwart ist. Wir müssen nur dieser Ahnung uns bewußt werden, sie ins Wollen verwandeln, und um das Gerippe der Idee werden sich neue Gespinste weben, vielleicht ein neuer Mythos. Das Volk wird ein Zentrum — der Mensch einen Lebensinhalt haben. Aus den Urelementen des jüdischen Bewußtseins ist das alte Judentum entstanden, aber das jüdische Bewußtsein ist nicht mehr dasselbe — neue Elemente sind hinzugekommen, die alten haben eine neue Färbung bekommen, aus ihnen muß auch ein neues Judentum hervorgehen. Steril ist derjenige, der an sich nicht glaubt. An sich glauben aber heißt — sein Ziel und seine Kräfte kennen. Und dies war auch der Zweck meines Ausführungen. Unser Ziel festsetzen — unsere Kräfte abschätzen. Und das Ziel sei — das Volk der „Idee" zu sein. Im Streben nach einem neuen Lebensinhalte werden wir den „Stolz Israels" wiederfinden — und wir müssen ihn finden. Aber wo, mit welchen Mitteln? Ist denn das nicht der Kern des Problems? Und da möchte ich mit den Worten Hegels antworten: „Eine neue Religion wird möglich sein, wenn es ein freies Volk geben und die Vernunft ihre Realität als einen sittlichen Geist wieder gefunden haben wird, der die Kühnheit haben kann, auf eigenem Boden und aus eigener Majestät sich seine religiöse Gestalt zu nehmen." ... Zu einem neuen Judentum durch ein freies Judentum. Das ist die Linie.

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