Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 100)
- Language
- German
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vom Russen Wasnetzow, der im byzantinisch-slavischen Geiste lebt und schafft — aber der Weg durch die Form nivelliert die Verschiedenheiten der Psyche immer mehr und zur Zeit spricht man nicht mehr von Künstlerschulen, oder gar — Nationalitäten, sondern von Individualitäten, die ihre Stimmung, ihre gewiß schon fertigen Kulturnuancen in die Form hineingebracht haben. Und darum halte ich es für ein vollständiges Mißverstehen des Wesens der Kunst, wenn man zu den jüdischen Künstlern mit der Forderung kommt, und ihnen sagt: Wählt jüdische Sujets! Darauf müßten jene die Antwort geben : Die Kunst ist ja an's Sujet überhaupt nicht gebunden. Ob wir den Menschen, den wir malen oder meißeln, Jehuda Makkabi oder „den Kämpfer" schlechthin nennen, ob wir Ghettobilder malen oder holländische Landschaften und ostfriesische Bauern, bleibt sich doch gleich. War Michelangelo^ Moses etwa jüdisch? Die Hauptsache dabei und worauf es eigentlich ankommt, ist, daß wir in unsere Werke unsere jüdische Stimmung hineintragen. Wie stark sie unsere Gestaltungskraft zu beeinflussen vermag, davon hängt unsere Bedeutung als nationale Künstler ab. Ob Antokolski zur Versinnbildung der Grausamkeit, die dämonisch wird, Iwan den Schrecklichen oder Herodes zum Objekt wählte, ist nebensächlich. Es ist beschränkter Chauvinismus, zu glauben, daß jeder Mensch nur an seine Volkstradition gebunden sein, sich nur innerhalb des ihm von der Geburt gesteckten Rahmens bewegen müsse. Ein Künstler, der nicht imstande ist, sich über das Nationale zu erheben, ist kein wahrer Künstler, er wird immer im Genre hängen bleiben. Aber wo sind denn die großen Symbole der jüdischen Seele? Wo bleibt die durch Jahrtausende vererbte jüdische Seelenschwingung? Oder können wir die nicht entdecken? Fühlen wir sie nicht heraus? Wenn es vielleicht in der bildenden Kunst, wo die Technik, die Sprache universal ist, die eigentlich nationalen Elemente nicht so leicht zur Geltung kommen können, so ist ihr ureigenes Gebiet die Literatur. Da ist der Probierstein der nationalen Kultur, denn dort fließt alles zusammen, die Sprache, d. h. die ganze kristallisierte Denkart und Empfindungs- 88 weise des Volkes, der intime Ton, dieser leiseste, fast unmerkliche, unwägbare Hauch, der dem Nationalen eine unbestimmbare Eigenheit leiht, die Traditionen, d. h. die Erlebnisse der Rasse und deren Weltanschauung, die zwischen der individuellen Stimmung und der Volkskultur, die wirkliche „convergence d'effets", die Taine als Kunstideal aufstellte. In ihr kommt auch die Weltanschauung zu Worte, die ich als das Hauptsächlichste und die erste Ingredienz einer Nationalkultur postulierte. Also eine Nationalliteratur? Ist dieses das Resultat des ganzen Judentums? Ist wirklich aus der Zerstörung aller Werte nichts hervorgegangen, als das Bißchen, das fast dem Nichts gleicht? Was heißt denn Literatur? Ist es nur Dichtung, ist es Drama? Und wenn die Literatur wirklich das ersetzen könnte, was uns verloren ging, nämlich die innere Welt, ist sie dann noch haltbar? Um zu sein, braucht die Literatur eine Kontinuität, eine Selbstsicherheit, eine Daseinsfreudigkeit, ja, eine Sprache. Diese wiederum setzt ein lebendes, strebendes, selbstbewußtes Volk voraus. Eine solche ist nach den obigen Ausführungen unmöglich, wenn es kein Daseinsziel, keine Idee hat. Und wir drehen uns dann im Kreise. Wie sollen wir uns zum Beispiel zur Sprachenfrage im Judentum stellen? Meine Problemstellung schließt ja nicht die Westjuden und die nicht jargonredenden Juden aus. Man kann nur Jargon reden, und doch dabei jauchzend singen: „Messias und Judentum sind schon gestorben," man kann nie aus dem „Ansiedlungs- Rayon" herausgetreten sein und doch innerlich, seelisch mit dem Judentum gerissen haben, und man kann wieder ganz und gar Kulturmensch sein, in einer europäischen Sprache reden und denken, ein guter Europäer sein und doch nach einem jüdischen Seeleninhalte ringen und streben, ja, manchmal auch das Wort finden, das erlösend wirken könnte. Wir können also nicht sagen: jüdisch sei alles, was im Jargon geschrieben sei, weil der Jargon von so und so vielen Juden gesprochen wird. Aber auch die traditionelle Sprache des Judentums — das Hebräische — kann als Symbol nicht dienen. Der „More Newochim" ist im Arabischen, Philo im Griechischen, die „Dialoghi d'amore" von