Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 87 (sequence 99)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/1112869-9311769--432-1112971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Tugend. Die anderen bäumen sich dagegen auf. Sie verzweifeln ebenfalls am Judentum, aber finden ein Surrogat im jüdischen Volke. Sie sagen: das Judentum ist gestorben — aber das jüdische Volk lebt — und schieben die ganze Schuld am Niedergange des Judentums dem Golus zu und ziehen daraus den Schluß: ergo Zionismus. Das ist sehr richtig, wenn nur der Zionismus, ebenso wie viele andere Theorien, nicht auf einer unbewiesenen Voraussetzung beruhen würde. Das Volk! Ja, aber das ist das große Unbekannte! Will denn das Volk so beharren, will es die Fortsetzung seiner nationalen Existenz? Sie werden sagen, und mit vollem Recht, „Volk" sei ein mystischer Begriff. Aber umso schlimmer für uns, denn wenn wir auch den Willen des Volkes nicht wissen können, den des Individuums kennen wir doch. Und dieser gerade ist antinational. Das jüdische Individuum hat keine nationale Sehnsucht, weil seine Bande mit der jüdischen Geistesscholle — es gibt eine Ideensscholle, die mächtiger bindet, als die irdische — gelockert sind. Weil das jüdische Bewußtsein mit der jüdischen Idee auseinandergehen, weil der „Jude seinen alten Gott verloren hat", hat er kein Interesse mehr am nationalen Leben. Man versucht, die Indifferenz der Juden der nationalen Frage gegenüber mit ihrer materiellen Not usw. zu erklären. Aber wozu uns täuschen? Der Jude von heute ist antinational, nicht weil er anders nicht kann, sondern weil er nicht will. Woher z. B. die Verachtung alles Jüdischen, auf die man in allen jüdischen Sphären stößt? Etwa, weil uns die Außenwelt verachtet? Aber es ist ja gar nicht wahr. Die Außenwelt achtet uns viel mehr, die „Anderen" haben viel mehr Respekt vor dem Judentum als wir selbst. Weil es denen nicht nahe ist, wir aber es überlebt, überwunden haben. Man betrachte einmal das Verhalten der Juden den nationalen Fragen gegenüber etwas näher. Wie etwas Archaisches, Spinnwebumwachsenes ist es ihm. Weil etwa die Juden so seelenlose Menschen sind? O nein, ihre Welt deckt sich einfach nicht mehr mit der alten, und weil sie trotzdem in sie eingezwängt werden, sind sie ärgerlich, beginnen sie das Alte zu hassen. — Also sagt nicht mehr: Assimilation oder Zionismus. Sagt: ein neues Judentum oder keines? Kann sich ein neues ergeben, dann wird die Assimilation ungefährlich, dann wird auch der Zionismus als Schlußlösung, als Krönung kommen und siegen. Tritt es aber nicht ein, dann ist die Lage hoffnungslos. Wir werden ja nicht sterben, wenigstens nicht so bald. Das Gesetz der geschichtlichen Trägheit wird es nicht zulassen — aber ein Leben aus Trägheit ist ein träges Leben. Wo ist aber das neue Wort geblieben? * * * Können wir von der Schaffung einer Nationalkultur träumen? Oder gar, was noch weiter und tiefer geht, von der Schaffung einer nationalen Weltanschauung? Ich glaube, daß in dieser Fassung die Frage zu verneinen ist. Bei der jetzigen ungeheuren Differenzierung der Nationalitäten, da oft auf einem kleinen Gebiete einige Volkstypen wohnen, die sich alle national „ausleben" wollen, ist es ein Unding, von einer durchgebildeten Nationalkultur, wie sie früher in der Zeit der größeren Abgeschlossenheit und darum Insichgeschlossenheit der Völker war, zu sprechen. Werden doch nicht zum Beispiel die Serben und Älbanier und Griechen in Macedonien, die verschiedenartigsten Völkerschaften in Österreich-Ungarn kommen und sich in die Brust werfen: „Ich, der Ungar, ich, der Kroate, sehe die Welt und ihre Zusammenhänge so und anders als mein nächster Nachbar, der Deutsche oder Rumäne." Politische Parteikongresse und sogar Parlamente können wohl ein eigenes politisches Programm dekretieren, nie eine philosophische Weltauffassung, nie eine nationale Kultur. Und worin drückt sich denn eine Kultur aus? Etwa in der Wissenschaft? Aber auf diesem Gebiete der Tatsachen und reellen Verknüpfungen gibt es keine nationalen Unterschiede. Eine „slavische" oder „germanische" Geometrie oder Physik könnte nicht einmal ein enragierter Panslavist und auch nicht Houston Stewart Chamberlain, der Germane, erfinden. Auch die Kunst — soweit sie nur zum Auge oder zum Ohre spricht — ist über das Nationale erhaben. Es ist ja wahr, Hans Thoma ist deutsch seinem Empfinden nach, oder sagen wir, seiner Stimmung nach und unterscheidet sich in dieser Hinsicht 87

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.