Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 98)
- Language
- German
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die Worte: „Messias, das Judentum sind schon gestorben, ein neuer Messias entsteigt." Dieser Messias ist nach der Eschatologie des „Bundes" natürlich die Sozialdemokratie. Hört ihr hier nicht das Röcheln des alten Judentums, die Agonie des „greisen Israel". „Gestorben!" So singt * das Volk, so singen einfache, von der Skepsis nur wenig angeleckte Juden im Ghetto mit dem brutalen Zynismus des Volkes. Und wenn die so singen, was sollen die Denkenden sagen? Und wenn das Volk, das unbewußte, jetzt vom Tode des Judentums spricht, was sollen die sagen, die den „Stolz Israels" — das Volk der großen Weltanschauung zu sein, nicht fallen lassen wollen und doch nicht zurückkehren können? Diejenigen, die sich nicht mit Phrasen bestechen lassen, die hinter den Schleier der Worte und der Ereignisse zu blicken versuchen? Die ein Gotteswort brauchen, um leben zu können? Die darnach hungern? Wir brauchen eine Erneuerung des Judentums. Die alten Tafeln sind zerbrochen. Man kann sie nicht mehr zusammenlöten. Als das Gesetz Mosis* vor zweitausend Jahren alt wurde, da erzählt die jüdische Legende, stieg R. Akiba, der große Sehnsüchtige, auf den Sinai und saß dort vierzig Tage und Nächte. Alle Werte der Thora (alle „eth" — alle Konjunktionen, sagt tiefsinnig der Talmud) hat er einer neuen Kritik unterzogen, bis er zur letzten Konjunktion kam, zum Satz „den Gott usw." und dort hielt er inne. Die zweitausend Jahre, die seitdem verflossen sind, haben auch an diesem „eth" genagt und wurmstichig steht es da. „Ich kann mir einen Juden ohne Gott nicht denken," sagte einmal Dostojewski. Das heißt mit unseren Worten, ohne Judentum. Sobald er seine innere Welt zerstört hat, bleibt seine Rechtfertigung des Judentums weg, versteht er er sich nicht mehr. Entweder sein, das heißt voll und ganz sein, mit einem Lebensziel, Lebenssinn, mit einem inneren Stolz, „Stolz Israels", oder nicht sein, aufgehen. Das ist das große Problem, das sich aus der Analyse des objektiven Judentums und des modernen jüdischen Bewußtseins ergibt. Ich stelle nicht das Problem: Assimilation oder Nationalismus. Denn ich glaube, diese Art der Problemstellung ist falsch. Es sind dies keine prinzipiellen, grundlegenden Unterschiede, sondern nur Folgerungen. Die Assimilation kann nicht eintreten, wenn der Mensch wirklich durch feste Bande seiner Seele an sein Volk und dessen geistige Scholle gebunden ist. Warum assimilierten sich die Juden in früheren Zeiten so schwer oder fast gar nicht? Warum war es z. B. den Deutschen (Langobarden) in Italien nicht schwer, sich zu assimilieren, bis sie, der Rasse und der Lebensauffassung nach ganz germanisch, doch äußerlich italienisch wurden? Weil sie keine so individuell abgeschlossene Kultur hatten. Sie hatten wohl ihre Sprache, ihre Sitten, ihr mehr oder weniger individualisiertes Christentum, aber ihr principium individuationis war nicht so stark, um sie vor der äußerlichen Assimilation zu bewahren. Versetzt jedoch einen Buddhisten nach Europa und ihr werdet sehen, ob er sich je assimilieren wird. Wer unter den modernen Juden sich dem Judentum ganz entfremdet fühlt, wer den Verlust ohne Schmerz empfindet, sich einen Ersatz geschaffen hat, in einer anderen Kultur sich eingelebt hat, dem können wir seine Assimilation nicht verargen. Er tat es, weil er es m u ß t e, weil er nicht anders konnte. Es ist ja wahr, nie wird ein Jude und sei er noch so tief in die andere Kultur eingedrungen, ganz und gar sich in ihr verlieren. Stecken doch seine Wurzeln in einem anderen Gedankenreich, reden doch die atavistischen Regungen mit, die das bewußte seelische Leben oft hemmen und lenken. Ein assimilierter Jude wird vielleicht ein Prophet der Welt werden können, nie aber einer bestimmten erwählten Nation. Aber das ist seine eigene Sache, mit der er sich abfinden muß, wie er kann. Aber diejenigen, die nicht ganz und bewußt assimiliert, und die dennoch nicht mehr im Judentum ihren Lebensinhalt sehen? Hier ist der Wendepunkt. Manche fühlen die Unhaltbarkeit der Lage und verzweifeln am Judentume überhaupt und sagen sich: Leben wir, wie wir können und apres nous le deluge — das ist die Theorie der Assimilation, der Anpassung, der Fügung ins Unvermeidliche, der Umwandlung der Not in eine