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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 85

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 85 (sequence 97)
Language
German
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endlichkeitsheißender, Himmelsraum, Ewiger, der Du Seiendes und Nichtseiendes, Entfaltetes und Unentfaltetes bist, Wahrheitsstätte, Urgott, Schöpfer, guter Schöpfer, Vernichter, Erschaffener, Unerschaffener, Willkürlicher, Unwillkürlicher, Opferursprung . . ., ohne Anfang, ohne Mitte, verborgenen Endes, verborgener Mitte, Zwang, Selbstzwang usw., usw.," so werden wir die machtvolle Geschlossenheit der jüdischen Gottesidee bewundern, uns aber nicht verhehlen können, daß gerade diese monumentale Einfachheit jede weitere Entwicklung ausschließt. In der indischen Attributenlehre ist das Ringen des im Netze der ewigen Widersprüche sich verstrickenden Denkens abgespiegelt — und darum hat gerade unsere Generation so viel Interesse für sie, weil sie in ihr eine Seelenverwandtschaft fühlt. Prophetismus ist übrigens gar keine Lehre, es ist eine psychische Qualität, eine Stimmung. Nicht, was die Propheten sagten, ist das Große, sondern wie sie es sagten. Alle Menschen mit einem großen Lebenspathos haben Prophetenblut in sich. Aber Prophetismus als objektiven Wert gibt es gar nicht — ebenso wie es kein „Priestertum", keine „Heiligkeit" als Institution geben kann, wenn es auch solche im Gegensatze zum Prinzip gibt. Darmstetter sprach ferner von der „Wissenschaft". Aber welche Wissenschaft? Kann man Haeckel mit Micha versöhnen? Kann man Nietzsche oder Stirner mit Hosea unter ein Dach bringen? Oder läßt sich die alles auflösende Analyse unserer neuen Logiker, die die Grundelemente des Denkens, die das Wort selbst ihres objektiven Wertes entkleiden, mit den alles bejahenden Propheten vereinen? Ich weiß keine Form für die Vereinigung dieser beiden Geistesrichtungen zu finden. Und ich glaube, Darmstetter wußte es ebensowenig. Sein Satz: „Die Religion des XX. Jahrhunderts wird aus der Vereinigung der Wissenschaft und des Prophetismus entstehen", ist eine Phrase, die aus einer Mißdeutung beider Termine entsprang und in eine konkrete Form nicht eingekleidet werden kann. * * * Ich weiß, es könnten Schriftgelehrte kommen und mit dem Texte in der Hand mir entgegnen: „Aber nein, es ist gar nicht wahr, daß das Judentum zur Wissenschaft, zur neuen Weltanschauung im Gegensatze steht ..." Da sagt die Bibel so und so, und im Talmud heißt es so, und Deutungen auf Deutungen werden entstehen, um wiederum ein neues „Und" zu erzeugen: „das Judentum und die moderne Weltanschauung." Mag sein, vielleicht läßt sich aus den Kodizes wirklich manches herauspressen, herausdeuten, vielleicht läßt sich auch manches vom Alten mit dem Neuen in Einklang bringen. Aber meine Frage ist ja nicht die, ich frage nach dem Geist, nicht nach dem Buchstaben, nach der Idee, die das Ganze beherrscht. Möglich, daß diese Frage, wie Dostojewski einmal sagte, „den geschäftigen und vernünftigen Menschen eine müßige erscheint", aber die Macht der Verhältnisse im jüdischen Leben zwingt jeden, und sei er noch so „vernünftig", nach derartigen, scheinbar abstrakten oder, wie manche jetzt mit Vorliebe sagen, unsozialen Dingen zu fragen, trotzdem sie mit der Ökonomik nur sehr lose zusammenhängt. Denn von der Beantwortung der Frage, die ich vorhin aufgeworfen habe: „Lebt das Judentum noch?", hängt unser Verhalten zum Leben des jüdischen Volkes ab. Lebt es, dann hat unser Leiden und Streben einen Sinn und ein Ziel; ist es abgestorben, dann müssen wir aus den Elementen des alten ein neues Judentum schaffen. Aus einer destruktiven Kritik gibt es auch einen anderen Weg als den der Verneinung. Und ich konstatiere nur die Tatsache, die der Talmud schon vorhergesehen hat: „Es kommt eine Zeit, da die Thora in Israel vergessen wird/' Die Zeit ist eingetreten, die Zeit, da das Band zwischen Idee und dem Träger derselben gesprengt wurde, die Zeit der Götterdämmerung. Man wird sagen, das treffe nicht zu, die Masse lebe noch ganz in ihrer alten, festen Ideenwelt, sie habe keine Erschütterungen erfahren. Es seien nur wenige Intellektuelle, die da zweifeln und nörgeln, trockene Zweige am Stamme des Volkes, die schließlich abfallen müssen. Ich habe einmal in einem littauischen Städtchen, wo keine philosophierenden „Intellektuellen" zu finden sind, wo die „gesunde Masse" lebt, ein Lied gehört, ich glaube, es war das Lied des „Bundes". Grausam höhnend klangen 85

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